Skip to content

Alle meine Unworte, zum ersten: Toy boys, Technologie und das Liebes-Aus

25. November 2011

Ja, ich gestehe es frei und offen: Ich bin, wie der Professor zu sagen pflegt, ein „Sprach-Nazi“ (am Rande sei’s hier bemerkt: Er wäre der letzte, der mir das vorwerfen dürfte.  Studenten, die bei ihm die erste Arbeit einreichen, schlackern meist mit den Ohren, wenn sie seine xundzwanzig „Sprachkorrekturen“ sehen. Die, die dann dumm genug sind, darauf hinzuweisen, dass sie nicht Anglistik, sondern Geschichte studieren, fangen sich dazu noch einen Vortrag darüber ein, dass sie „Shakespeare’s language“ schlachten und dass differenzierter Umgang mit der Sprache die Voraussetzung für differenziertes Denken ist). Sprachschluddereien nerven mich, mit der Steigerung von „einzig“ kann man mich auf die Palme bringen (es sei denn, der Superlativ kommt von der Mutter einer Freundin. Deren Aussage, dass ein gewisses Restaurant das „einzigste“ sei, in dem sie wirklich gerne esse, weil man ihr dort das „optimalste“ Kalbssteak ihres Lebens geliefert habe, fand ich schon wieder amüsant) und wenn dann sogar ein mir ansonsten sehr lieber junger Herr aus der Blutsverwandtschaft „war“ und „wahr“ verwechselt, frage ich mich, was zum Geier eigentlich an deutschen Gymnasien unterrichtet wird. Selbiger junge Mann hat nämlich ein sehr gutes Abitur hingelegt – wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass in seinem Abi-Aufsatz so schöne Formulierungen wie „Effi Briest wahr mit Instetten nicht glücklich, weil sie mehr auf Typen wie Crampas gestanden ist“ gestanden haben.

Was mich aber besonders nervt, sind meine lieben Kollegen von der schreibenden Zunft, die ihre Weltläufigkeit durch den Einsatz möglichst vieler Anglizismen zu beweisen versuchen oder ihre Kreativität durch das Erfinden neuer Dummdeutsch-Wörter. Was die Anglizismen angeht, so wissen wir ja alle, wie gut der Durchschnittsdeutsche damit umgehen kann – spätestens seit die Parfümerie Douglas den Slogan „Come in and find out“ creierte und dann mal Kunden fragte, was sie sich darunter vorstellen. Als dann eine Mehrzahl mit so schönen Übersetzungen wie „Komm rein und finde wieder raus“ kam, wurde dann selbst den Douglas-Marketingfuzzis klar, dass es dieser Slogan nicht sein kann.

Dummerweise ist der Deutschen Unvermögen in Sachen Englisch aber noch nicht bei den Journalisten angekommen. Und wenn ich jemals den erwischen sollte, der zuerst das schöne, deutsche Wort „Technik“ durch das aufgeblasene „Technologie“ (der Kommentator, der es schafft, mir nachvollziehbar zu erklären, wo der Unterschied zwischen „Technik“ und „Technologie“ zu erklären, bekommt eine Taschenwaschmaschine mit Kickstarter!) ersetzte und damit einen Trend schuf, der mich mindestens dreimal in der Woche auf meine liebevoll gepflegte Sprachpalme treibt, werde ich mir sogar noch einmal Stöckelschuhe (man könnte auch „High Heels“ sagen) kaufen, um ihn in die Kehrseite zu treten (und der, der nun kichernd befindet, dass dieser eben fabrizierte Schachtelsatz auch kein gutes Deutsch ist, hat recht!).

Aus der Kiste des „English for German doofies“ stammt für mich übrigens auch der von der Boulevardpresse so gerne verwendete „toy boy“ – danke Madonna, dass du den lieben Kollegen von der „Bunten“ sogar Gelegenheit gegeben hast, heute auf ihrer Online-Seite daraus einen „jungen Toy boy“ zu machen. Ich habe daraus geschlossen, dass Jugend nun offenkundig nicht mehr die Voraussetzung dafür ist, einen Lover (noch so ein Wort, das ich nicht unbedingt goutiere) als „toy boy“ zu deklarieren. Jetzt überlege ich: Der Professor ist verspielt. Er buddelt gerne im Dreck, er bastelt in seiner Werkstatt mit viel Akribie und Liebe Gegenstände, die mit Wonne von Knaben jeden Alters zum Spielen verwendet werden, er liebt Legos so sehr, dass seine Enkel schon überlegt haben, ob sie ihm, als sie daraus rausgewachsen waren, ihre Legokisten schenken sollten – darf ich ihn daher fürderhin als meinen „alten Toy boy“ bezeichnen?

Mindestens ebenso doof wie die Spieljungen finde ich aber das neuerdings epidemisch auftretende „Liebes-Aus“. Ich war gestern beim Arzt, musste warten und dieweil ich „Spiegel“ und „Stern“ schon gelesen hatte und auf „auto, motor und sport“ nicht so scharf bin (wobei ich da ab und an ganz gerne reingucke. Die sind nämlich gut im Erdichten richtig schöner Überschriften), habe ich mich auf  „Gala“ und „Bunte“ gestürzt. So erfuhr ich dann, dass bei Demi Moore und ihrem Ehemann das „Liebes-Aus“ gepfiffen wurde, dass es eine im deutschen Fernsehen offenkundig unvermeidliche Schauspielerin, deren Namen ich mir aber dennoch nicht merken kann (was vielleicht daran liegt, dass die Dame  vorwiegend in Produktionen, deren Plots durchschaubarer sind als meine ungeputzten Fenster, ihre Brüste wogen lässt und ihre insgesamt drei Gesichtsausdrücke zeigt), ebenfalls erwischt hat und dass Frau Wagenknechts wegen Oscar davon betroffener Ehemann trotz „Liebes-Aus“ von der tiefen Seelenverwandtschaft mit der Verflossenen schwärmt.

Liebes-Aus. Man muss sich das Wort auf der Zunge zergehen lassen. Ich liebe bildhafte Sprache – und hier drängt sich mir sofort ein Bild auf: Frau Moores Ehemann hat gerade einen in Fußballdress gewandeten, moppeligen Amor samt Bogen und Pfeil vom Platz ins Aus gekickt und ein Schiedsrichter kommt pfeifend und eine rote Karte schwenkend auf  ihn zugerannt. Während der Schiedsrichter das „Liebes-Aus“ verkündet, schiebt sich auf der Trainerbank Frau Moore ihre tägliche Essensration in Form eines Rucola-Blättchens (selbstverständlich ohne Öl!) zwischen die hollywood-gebleachten (noch ein Unwort) Zähne, um so dann auf ihrem unglaublich stylishen (argl!) Handy eine Twitter-Meldung darüber, dass sie in ihrer Würde als Mutter, Ehefrau und da-war-doch-noch-was gekränkt wurde und daher beschlossen hat, ihr Leben fürderhin ohne den Amor-Schänder zu verbringen (junge toy boys, aller Länder, erwachet, frohlocket: Frau Moore ist wieder auf dem Markt!).

Nun verstehe ich wirklich nicht viel von Fußball. Es gibt sogar Leute – meinen Vater, meinen Bruder, meinen Ex-Mann – die behaupten, ich verstünde gar nichts davon. Aber so viel, dass ein „Aus“ im Fußball nicht das Ende des Spiels bedeutet, habe sogar ich begriffen (schmerzlich, wie ich zugeben muss. Für mich wäre alles, was das mindestens 90 Minuten anhaltende Geschrei meiner Nachbarn während des laufenden Spieles vorzeitig beenden würde, eine Wonne). Meines Wissens verläuft das Aus beim Fußball doch so, dass der Schiedsrichter pfeift, irgendein Fußballer rausrennt, den Ball aufsammelt, wieder einwirft und die Balgerei weiter geht.

Das „Liebes-Aus“ aber ist so etwas wie der Schlußpfiff. Selbst wenn der getretene Amor danach wieder ins Feld geworfen wird, schlagen sich üblicherweise doch nicht mehr die beiden vorher beteiligten Mannschaften um ihn. Ergo postuliere ich, dass künftig statt des „Liebes-Aus“ der „Liebes-Spielerwechsel“ verkündet wird – dann macht das wenigstens Sinn!

 

Advertisements
8 Kommentare leave one →
  1. Caine permalink
    25. November 2011 12:59

    Eine Technologie i.e.S. ist die Wissenschaft von einer Technik, so wie die Kosmologie die Wissenschaft vom Kosmos ist. Im Weiteren Sinn kann eine Technologie auch eine Gesamtheit von Techniken sein, die einem bestimmten Gegenstand zugeordnet sind. So wie z.B. die Informatik die Technologie des automatischen Berechnens von Funktionen mit allem was dazugehört ist – die Maschinen, die Programmiersprachen, die Berechenbarkeits- und Komplexitätstheorie, etc.pp.

    Toy Boy: MWn heisst das boy toy …

  2. 25. November 2011 13:03

    Caine, Du kriegst die Taschenwaschmaschine mit Kickstarter. 😉
    Aber seien wir mal ehrlich: Wird das Wort „Technologie“ üblicherweise in dem Sinne verwendet? Ich hab’s eher in Sätzen wie „Stellte Forschungsminister Tralala die neue Technologie für den Bau von Radnaben vor“ oder über irgendwelchen Computerkram: „Technologie, die begeistert“. Außerdem sind 75 % der „Technologie Center“, die ich kenne, keine Forschungs-, sondern Herstellungsstätten, an denen eine bestimmte Technik verwendet wird.
    Und ne, der Toy Boy heißt wirklich Toy Boy – guck mal in der „Bunte“ nach. 😉
    Das Wort wird aber auch von den Amis verwendet – da kommt’s ja ursprünglich her.

    • Caine permalink
      25. November 2011 13:19

      Ja, da hast Du recht, dass das Wort so verwendet ist. Irgendwann sind Lesen und Schreiben sicherlich auch keine Kulturtechniken mehr, sondern Kulturtechnologien :)=)

      Boy toy: Sorry, die Bunte hat echt keine Ahnung: http://en.wikipedia.org/wiki/Boy_toy
      „Boy toy may refer to:
      […]
      A significantly younger man in a sexually-charged relationship with an older partner (see also age disparity in sexual relationships).“

      Toy Boy gibt’s gar nicht im Englischen. Der Film mit Ashton Kutcher, der hierzulande so hieß, heisst im Original „Spread“.

  3. 25. November 2011 13:23

    Sorry, Caine, da muss ich Dir widersprechen: Toyboy wird im Englischen sehr wohl verwendet. Guckst Du zum Beispiel hier: http://www.dailymail.co.uk/tvshowbiz/article-2026426/Madonnas-toyboy-Brahim-Zaibat-gives-53rd-birthday-kiss.html oder hier http://www.mirror.co.uk/celebs/news/2011/08/21/madonna-s-new-toyboy-backflips-for-her-115875-23359388/
    Wahrscheinlich lag ich damit, dass ich die Amerikaner als Wortschöpfer verdächtigte, falsch – aber in der englischen Presse taucht das Wort in Zusammenhang mit Madonna dauernd auf.

  4. Caine permalink
    25. November 2011 13:26

    Aha … toyboy zusammengeschrieben, hab ich vorher noch nie gesehen. Wieder was gelernt …

  5. 25. November 2011 13:28

    Ich auch. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, es zusammen zu schreiben. 😉

    • Der Barstud permalink
      25. November 2011 14:32

      Ich wäre nie auf die Idee gekommen, in eine Taschenwaschmaschine einen Kickstarter einzubauen. 😀

  6. 25. November 2011 14:35

    Barstud: Das ist halt wahre Zukunftstechnologie. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: