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Weihnachten in England

28. November 2011

Ich wurde von einem lieben Menschen gefragt, wie man denn in England Weihnachten feiere und weil ich denke, dass das vielleicht noch ein paar Leute interessieren könnte, versuche ich mich hier mal in einer Beschreibung. Die erhebt aber weder Anspruch auf Vollständigkeit noch kann ich garantieren, dass sie „Allgemeingültigkeit“ für alle Engländer hat. Es gibt bestimmt auch in England familiäre oder regionale Traditionen, mit denen ich nicht vertraut bin.

Außerdem meint der Professor, ich müsste eine „historische Vorbemerkung“ addieren: Einiges von dem, was heute auch in England als „traditionell“ gelte, sei erst im 19. Jahrhundert aufgekommen und aus Deutschland importiert worden – wie zum Beispiel der festlich geschmückte Christbaum, der heute in England auch dazu gehört. Den hat Queen Victorias Prinzgemahl Albert, ursprünglich ein Prinz von Sachsen-Coburg-Gotha, für seine große Kinderschar eingeführt und er hat sich dann vom Hof aus durch England verbreitet.
Witzig ist in dem Zusammenhang vielleicht: In England ist es eigentlich üblich, dass die Geschenke erst am 25.12. verteilt werden – nur bei den Royals nicht. Die halten sich angeblich immer noch an die deutsche Sitte, am 24.12. die Bescherung zu veranstalten – wieder etwas, was auf Prince Albert zurück geht.

Advent in England …
ist nach meinem Empfinden dem deutschen sehr ähnlich. Ab Mitte/Ende November fangen die Geschäfte an, einen mit Weihnachtskram zu nerven (ja, ich bin genervt. Ich mag’s nicht, dass die Weihnachtssaison mit ihrem „kauf, kauf, kauf!“ immer weiter in den Herbst hinein gezogen wird).
Im Dezember hat dann wohl jeder anständige, englische Haushalt mit Kindern diverse mit Schokolade oder sonstigen Goodies gefüllte Adventskalender hängen. Adventskränze mit Kerzen kenne ich eher nicht.

Doch da ist was anderes in der Adventszeit, was für Engländer unheimlich wichtig ist und worauf sie viel Zeit und Mühe verwenden: Weihnachtskarten. Wer auf sich hält und es sich leisten kann (wobei es in Zeiten des Internets wirklich nicht mehr sonderlich teuer ist), gestaltet seine eigene Adventskarte mit einem Familienfoto.

Zwei typische Beispiele dafür, gestaltet und verschickt vom Prince of Wales:

 

In der Adventszeit verbringt ein anständiger Engländer dann Stunden damit, seine Weihnachtskarten zu schreiben und zu verschicken. Familie (und das umfasst dann auch die Großcousine der Schwippschwägerin), Freunde, Bekannte, Kollegen, Geschäftspartner, der Pfarrer und sein Ehegespons, der Metzger, der immer das besonders zarte Lamm liefert, der Friseur, der es nicht schafft, den Wirbel am Hinterkopf dauerhaft zu bändigen, der Schmied, der immer so geduldig die Rösser beschlägt, der Futterlieferant, der Stallbesitzer – wer unter 100 Karten verschickt, hat in England wahrscheinlich das Gefühl, ein sozialer Blindgänger zu sein und begibt sich nach Weihnachten in Therapie.
Gegen Mitte/Ende der Adventszeit schleppen sich dann die bemitleidenswerten englischen Briefträger fast einen Bruch, denn da werden Weihnachtskarten ausgeliefert und bei den beglückten Adressaten zum Teil der Weihnachtsdekoration gemacht. Dafür räumt man üblicherweise den Kaminsims ab (auf dem sonst xundzwanzig Fotos in Silberrahmen stehen, die nicht nur die Familie, sondern auch mehr oder minder „ansehnliche“ oder prominente Bekanntschaften mit persönlicher Widmung oder, noch besser, einen Promi mit einem Mitglied des Haushalts). Auf den werden dann die Weihnachtskarten dekoriert – und da gilt: Je mehr, desto besser und die schönsten (oder „nobelsten“ – je nachdem, wie snobby man ist) nach vorne. Angeblich gibt es sogar Leute, die Listen führen, wer ihnen eine Karte geschickt sind und die nach Weihnachten bereit sind, den Arzt – Friseur – Metzger – Klempner zu wechseln, weil der ihnen keine geschickt hat. Auch sollen schon Neffen von alten Tanten enterbt worden sein, weil ihre Karte nicht nett genug war. Für mich, die ich Weihnachtskarten, so sie nicht gerade mit sehr persönlichem Text von ganz lieben Menschen kommen, nach kurzem Draufgucken in den Papierkorb entsorge, fällt das übrigens mal wieder unter „Die spinnen, die Briten!“
Gebacken wird natürlich auch in der Adventszeit, wobei es die Engländer weniger mit Plätzchen („Gutsle“, würde meine Mutter gesagt haben. Die nervte es immer, wenn in ihrer Familie jemand von „Weihnachtsplätzchen“ sprach) haben als mit Kuchen. Und der traditionelle englische Christmas Cake, der in ländlichen Regionen der ganze Stolz der Hausfrauen ist, gehört für mich zu den Gründen, warum die englische Küche so einen schlechten Ruf hat. Innen drin ist es nämlich ein Früchtekuchen – was ja nicht schlecht sein müsste. Aber auf den kommt – wahrscheinlich, um ihn frisch zu halten, denn er wird meist in drei- oder gar vierfacher Version gebacken und die ganze Adventszeit über jedem Gast serviert (und gerne wird auch einer für den oft in der Adventszeit stattfindenden Wohltätigkeitsbasar der Kirchengemeinde gestiftet) – Zuckerguss. Dabei reden wir aber nicht von einmal mit dem Backpinsel und einer Puderzucker-Wasser-Mischung drüber, sondern von „richtigem“ Zuckerguss, der eine zentimeterdicke, knallharte Schicht rund um den eigentlichen Kuchen bildet und dazu gerne noch mit weihnachtlichen Motiven dekoriert ist. Was mich dann aber immer ganz besonders in Schaudern bringt, ist die Farbenfreude der englischen Hausfrauen. Je nachdem, wie Mütterchen beim Backen drauf war, wird der Zuckerguss nämlich in Quietsch-Pink, heftigem Violett, Schwimmbad-Blau oder kräftigem Maigrün eingefärbt. Wem da nicht das Grausen kommt, der übersteht wahrscheinlich auch englische Cremetorte ohne das Gefühl, hinterher einen kräftigen Schluck aus der nächsten Ginflasche nehmen zu müssen (das überfällt da selbst mich – und ich mag normalerweise keinen Alkohol!).
Beim Christmas Cake gehört der Verdauungs-Alkohol aber sowieso dazu. Der wird nämlich üblicherweise mit einem Glas Whisky serviert. Engländer wie zum Beispiel der mir Angetraute behaupten, dass das wunderbar passe und herrlich schmecke, ich aber finde es schräg (erwähnte ich schon mal, dass mich des öfteren der Gedanke überfällt, dass die Briten spinnen?).

Der 24.12.: Christmas‘ Eve
Wie schon erwähnt: In „normalen“ englischen Familien findet die Bescherung nicht am Heiligen Abend statt. Traditionell dekoriert man da den Weihnachtsbaum, die Kinder hängen Strümpfe an den Kamin (weil in England der Nikolaus – wie praktisch, denn da hat er ja seinen Job in Deutschland hinter sich – in der Nacht von 24. auf 25. kommt und die Strümpfe füllt). Danach wird gegessen, in manchen Familien schließt sich dann eine regelrechte „Party“ an, zu der auch gerne Freunde und Bekannte eingeladen werden.
Bei uns begibt man sich – wir sind da doch sehr konservativ – am späten Abend unter Absingen schmutziger festlicher Lieder (der Professor singt dann unter Garantie God rest you merry gentlemen und motzt jeden seiner Mitsänger an, der den Fehler macht, das Komma zwischen „rest you“ and „merry“ zu singen, weil es nämlich zwischen „merry“ und „gentlemen“ gehört. Außerdem habe ich mal eine auf den Deckel bekommen, weil ich gefragt habe, was eigentlich mit den Gentlewomen sei. Die Bemerkung fand er an Weihnachten „inappropriate“) – zur Mitternachtsmesse in die Kirche. Deswegen gucke ich übrigens am 24.12. schon nachmittags immer hoffnungsfroh in den hoffentlich grau verhangenen Himmel und hoffe, dass es nicht schneit, sondern regnet. Bei Trockenheit oder Schnee meint der mir verbundene Traditionalist nämlich, dass wir zu Fuß in die Kirche gehen müssten – und wir wohnen doch ein gutes Stück außerhalb und ich hab’s nicht so unbedingt mit Nachtwanderungen. Bei Regen sieht dann aber selbst er ein, dass man das Auto nehmen kann.
Nach der Mitternachtsmesse kommt dann etwas, was ich als „totally English“ liebe, was aber putzigerweise meinen Briten nervt: Wechselläuten. Wer je Dorothy L. Sayers großartigen Krimi „The nine tailors“ gelesen hat, weiß, wovon ich rede, dem Rest sei’s – so weit das machbar ist – kurz erklärt: Sehr oft haben ja auch relativ kleine englische Orte riesige, uralte und teilweise wunderschöne Kirchen, die übrigens oft etwas außerhalb des Ortes und da gerne auch auf einem Hügel stehen (früher wurden die zum Beispiel in den Fens, wo es oft Überschwemmungen gab, als „Fluchtburgen“ genutzt. Wenn das Wasser mal wieder drohte, den ganzen Ort zu überschwemmen, zog man mit Kind und Kegel, Kuh und Schafen, zur Kirche. Die Tiere wurden in Pferchen um die Kirche rum geparkt, die Leute campierten in der Kirche, bis das Wasser abgeflossen war). Zu solchen Kirchen gehört üblicherweise ein großer Glockenturm, auf dem oft Geläute mit bis zu neun Glocken hängen. Teilweise können die heute elektrisch bedient werden, aber selbst dann kann man sie auch noch von Hand läuten – und das tut man auf  dem Land noch gerne, ausführlich und in einer Art, die wir in Deutschland gar nicht kennen.
Bei uns sind Glocken üblicherweise so abgestimmt, dass sie „Melodien“ läuten können. In England dagegen gibt es „change ringing“ – Wechselläuten. Die „Wissenschaft“ dazu nennt sich Camponology und das klingt dann so: Wechselläuten. Dabei werden die Glocken in mathematischen Folgen geläutet, wobei die „Figuren“ dann zum Beispiel „Grandsire Triple“ heißen. Es ist höchst kompliziert und kann, wenn die Glöckner Ehrgeiz entwickeln, schon mal über ein paar Stunden gehen. In unserem Ort haben die insgesamt 12 Herren und Damen, die die Glocken läuten, sehr viel Ehrgeiz, weswegen sie vor zwei Jahren an Weihnachten nach der Mitternachtsmesse mit Proviant und einigen Bierkisten bewaffnet in den Glockenturm einzogen und bis zur Frühmesse am nächsten Morgen durchgeläutet haben. Das sind dann die Stunden, in denen mein Professor froh ist, dass wir doch etwas außerhalb wohnen, während ich mich freue, wenn der Wind entsprechend steht und ich die Glocken höre. Ich gestehe aber, dass ich während unserer Suche nach einem Haus dereinst von einem sonst sehr geeignet erscheinenden Abstand genommen habe, als ich hörte, dass in der nur ungefähr 100 m entfernten Kirche sehr engagierte Bell ringers zugange sind.
Der 25.12.: Christmas
Wer Kinder hat, sollte sich darauf einstellen, dass er am Morgen des 25.12. sehr früh aus dem Bett geschmissen wird, weil sein Nachwuchs im Schlafanzug mit dem Schlachtruf „gifts!“ über die Treppen nach unten rast und sich im Wohnzimmer auf die unter dem Weihnachtsbaum aufgebauten Geschenke stürzt. Die Strümpfe am Kamin interessieren dabei üblicherweise erst mal weniger – in denen sind eh nur Kleinigkeiten.
Nach der Bescherung gibt’s Frühstück, dann treibt man in konservativen Familien den ganzen Verein nochmal in die Kirche. Danach trifft sich die ganze Gemeinde vor der Tür der Kirche und man wünscht sich rundrum „merry christmas“. Dabei wirken die Hausfrauen oft schon etwas zappelig, denn an Christmas wird – nach einem relativ einfachen Mittagessen – ganz groß aufgetragen.
Christmas Dinner ist nicht überall gleich. In vielen Familien gibt’s traditionell einen Truthahn (kann übrigens sehr lecker sein, denn der wird meist mit Bacon umwickelt, damit er saftig bleibt) mit Ofenkartoffeln (den berühmten „Roast potatoes“) und saisonalem Gemüse (bei Kindern meist verhasst: „Brussel Sprouts“ – der Rosenkohl, der bei uns zu Weihnachten mit Maronen kommt. Ebenfalls beliebt: Parsnips and swede – Petersilienwurzeln und Steckrüben), Gravy (der Bratensauce), dazu dann oft noch Bread Sauce (kann gut schmecken, wenn gut gemacht) und Cranberry Sauce. Manchmal werden dazu auch noch „Pigs in a blanket“ – Würstchen mit Bacon umwickelt – serviert. Und warum man zu Fleisch Würstchen serviert, gehört zu den Geheimnissen der englischen Küche, die sich mir wahrscheinlich nie erschließen werden, weswegen ich das auch unter „Die spinnen, die Briten!“ buche.
Eine interessante Variante des Christmas Dinners gab’s übrigens bei uns vor zwei Jahren: Der Hausherr hatte die diversen Sprösser seiner Lenden samt Anhang und Kindern eingeladen, weswegen er direkt nach dem Gottesdienst in der Küche verschwand, um dort in wilde Geschäftigkeit auszubrechen. Erst hat er nämlich ein von unserem Nachbarbauern erworbenes, sehr hübsches Maishähnchen entbeint. Dann wurde eine Ente derselben Prozedur unterzogen. Damit fertig, war eine Gans dran. Anschließend wurde das Hähnchen mit einer Masse aus Maronen, Weißbrot und Kräutern gefüllt und in die Ente gestopft. Die Ente wurde dann mit der Masse eingeschmiert und in die Gans gestopft. Gefühlte drei Tage später (es waren, wenn ich mich richtig erinnere, vier Stunden) landete die mit Ente und Hähnchen gefüllte Gans dann im Ofen.
Danach waren dann Gemüse, Kartoffeln und die oben beschriebenen Saucen dran, außerdem gab’s Yorkshire Pudding nach seinem Spezialrezept – gehört nicht traditionell zum Christmas Dinner, wird aber in unserer Familie gefordert (auch von mir).
Damit immer noch nicht genug, wurde dann der „Christmas Pudding“ zelebriert: Zitronat, Orangeat, Rosinen, diverse Trockenfrüchte dazu wurde zu einem Teig vermatscht, kam in eine Form und dann in den Steamer.
Gegen vier waren wir dann endlich so weit: Der Tisch war festlich gedeckt, auf jedem Platz lag, wie es sich gehört, ein Christmas Cracker – sowas:
(Quelle: Wikipedia)
Wenn man an den Dingern zieht, gehen sie auf und dann kommt beim traditionellen, englischen Christmas Cracker eine Krone aus Buntpapier raus, die sich der Cracker-Eigner aufsetzt.
Nach dem Verzehr der Gans (und der Feststellung des Hausherrn, dass das zwar gut schmecke, er sich die Mühe aber nie mehr mache) war dann der Pudding dran: Feierlich aufgetragen, mit Whisky übergossen und angezündet (in jedem Mann steckt ein kleiner Pyromane). Natürlich war eine Goldmünze drin versteckt, die dann der Schwiegersohn fand – eindeutig Abteilung „Wer hat, dem wird gegeben“.
Pappsatt und sowohl zur Konversation und Bewegung unfähig schleppte sich die Familie dann ins Wohnzimmer, wo sie sich in holder Einigkeit um die Glotze versammelte, um „the Queen’s speech“ zu lauschen. Und nachdem die gute Liesel mit ihrem Quiekestimmchen die üblichen guten Wünsche verlautbart hatte (für die Respektlosigkeit gegenüber Her Majesty würde ich übrigens von meinem Herrn wieder sehr scharf angeguckt), wurde die Idiotenlaterne wieder ausgeschaltet und die Erwachsenen haben den Rest des Abends mit Gesellschaftsspielen verbracht, während unser Nachwuchs diverse Weihnachtsgeschenke wie neue Handys, Notebooks und Kameras austestete und einrichtete.
Der 26.12.: Boxing Day
Auch in England ist der zweite Feiertag frei – und traditionell der Tag, an dem man die „Armen“ beglückt.
Der Name und die Tradition reichen weit zurück. Früher haben Seefahrer, wenn sie von einer ihrer gefährlichen Reisen glücklich heimgekehrt waren, nämlich Geschenke für die Armen mitgebracht. Die wurden in einer Holzkiste (=box) dem örtlichen Pfarrer zur Aufbewahrung übergeben und dann nach dem Gottesdienst am 26.12. an die Ortsarmen verteilt.
Ergo marschieren konservative Engländer an diesem Tag auch wieder morgens in die Kirche. Danach beglückt man dann, so man welche hat, seine „servants“ mit diversen Geschenken, wobei wahrscheinlich Schecks besonders beliebt sind. Ansonsten futtert man die Reste vom Christmas Dinner und ruht sich vom Weihnachtsstress aus, damit man am 27., wenn die Geschäfte wieder offen sind, all‘ die Geschenke, die einem nicht gefallen oder die nicht passen, umtauschen kann.
Ja, das war’s mit den englischen Weihnachtssitten, soweit sie mir bekannt sind.
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