Skip to content

Von Gastfreundschaft und Tierliebe

5. Dezember 2011
tags: , ,

Mein Mütterlein hat sich redlich Mühe gegeben, mich zu einem einigermaßen sozialkompatiblen Menschen zu erziehen. Dazu gehörte auch, dass sie mir etwas über „Gastfreundschaft“ beigebracht hat – und zwar, dass ich mich, bitt’schön, zu bemühen hätte, Leuten, die ich einlade, das Gefühl zu geben, bei mir willkommen zu sein.

Sie selbst war eine tolle Gastgeberin. Um ganz ehrlich zu sein: Für meinen Geschmack hat sie es manchmal sogar übertrieben, wenn sie für jeden Gast – und wenn’s auch nur die Nachbarin war, die ein Paket angenommen hatte und dafür zum Kaffee eingeladen wurde – erst den Staubsauger schwang, sodann den Tisch mit dem „guten Geschirr“, kunstvoll gefalteten Stoffservietten, Blumen und Kerzen deckte und einen Kuchen gebacken hat. Manchmal habe ich mich über das „Mordsgeschiss“, das sie da aufführte, echauffiert und ich erinnere mich sogar daran, ihr mal erklärt zu haben, dass ich es als Gast ziemlich blöd fände, wenn ich wüsste, dass wegen meines Erscheinens Hektik ausbreche und die Bude auf den Kopf gestellt würde. Später haben sich dann meine WG-Mitbewohner mal fast kaputt gelacht, weil ich wegen eines zu erwartenden Herrenbesuch auf zwei von ihnen hinterlassenen Bierkisten in der Küche balancierte und unsere Lampe mit Scheuermilch abbürstete. Aber was sollte ich machen? Der Herr war 1,88 m groß und hätte vermutlich den Fliegenfriedhof in der Lampe ebenso wie die Fett- und Nikotinüberstände auf der Lampe gesehen! Aber das ist eine andere Geschichte.

„Gastfreundschaft“ ist das Thema – und was das angeht, habe ich heute eine  interessante Erfahrung. Eine Freundin hatte mich gebeten, ein Buch, das sie sich ausgeliehen hatte, bei einer gemeinsamen Bekannten abzuliefern. Ich hatte mit der Bekannten – nennen wir sie Margit – telefoniert, um mich anzukündigen, dabei hatte sie fröhlich gefragt: „Hast du ein bisschen Zeit? Wenigstens für einen Kaffee?“

Also fiel ich heute Nachmittag bei Margit ein – und hatte erst einmal das fragwürdige Vergnügen, von ihren drei Buschratten Jack Russell Terriern begrüßt zu werden. Die lieben Tierchen kläfften in der Laufstärke eines startenden Düsenjägers, hüpften an mir hoch, putzten ihre süßen, aber reichlich dreckigen Pfoten an meiner frisch gewaschenen Jeans ab und wurden dafür von ihrer Besitzerin mit einem begeisterten „Sind sie nicht putzig, meine Babies?“ gelobt.

Ich hab‘ nix gegen Hunde (okay, okay, wenn’s zu Jack Russel Terriern kommt, gilt wohl eher: Ich hab‘ nix gegen die was hilft. Ich habe mich wohl zu lange im Busch – sprich: Auf Vielseitigkeitsturnieren – rumgetrieben. Da rannten so viele von diesen Viechern rum, dass ich immer Angst habe, es werde eines Tages Pflicht, mindestens einen davon – selbstverständlich mit rotem oder blauem Halstuch samt eingesticktem Namen, wobei der möglichst originell zu sein hat. Sowas wie „Django“ oder „Tarzan“ ist besonders beliebt – übers Turnier zu schleppen). Ganz im Gegenteil. Der Professor und ich teilen unser Leben mit zwei Vertretern der Spezies Canidae Canini und würden die für kein Geld der Welt hergeben.

Allerdings haben wir den süßen, kleinen Doggiepoos beigebracht, dass sie unser aller Revier nicht jedes Mal, wenn es an der Tür klingelt, durch lautstarkes Gekläffe verteidigen müssen und dass weder wir noch unsere Gäste es goutieren, angesprungen zu werden.

Bei Margit kam’s aber noch besser. Sie bat mich in ihr Wohnzimmer: „Nimm doch Platz und mach’s dir gemütlich.“ Hätte ich gerne, aber als ich gerade meinen Hintern auf das mit Hundehaaren überzogene Sofa platzieren wollte, wurde ich von einem dreistimmingen Hundechor unisono angeknurrt. Margit, die zum Kaffeekochen in der Küche verschwunden war, rief darauf: „Setz dich auf den Sessel. Das Sofa gehört den Babies.“ Ach so. Ja. Klar.

Die Hundibabies scheinen aber offenkundig auch den Sessel als ihren Besitz zu betrachten. Sie haben mich zwar nicht angeknurrt, aber dafür bekam ich ringsrum ungefähr ein Pfund gemischtes Hundehaar ab. In der Küche klingelte unterdessen Margits Handy, was mir Gelegenheit gab, die 43 silbergerahmten Hundebabybilder über dem Sofa zu bewundern. In ihrer Mitte gab es dann auch etwas zu lesen: Ein ebenfalls silbergerahmtes Plakat, in dem sich jemand in schönster Schönschrift ausgetobt und folgendes (sinngemäß wieder gegeben – zu auswendig lernen hat die Zeit dann doch nicht gereicht) niedergeschrieben hatte:

„Für meine Gäste:

1. Meine Hunde sind hier zu Hause. Du nicht.

2. Wenn du keine Hundehaare auf deinen Kleidern haben möchtest, setz dich nicht auf unsere Möbel.

3. Für dich sind sie einfach nur Hunde. Für mich sind sie meine Babies, Familienmitglieder und engste Freunde.

4. Es ist gut möglich, dass mir die Hunde wichtiger sind als du.“

Liegt’s an mir oder würden sich da andere Leute vielleicht auch nicht so richtig willkommen fühlen? Ich meine, ich will ja den oh-so-niedlichen Hundebabies der guten Margit nicht ihr „Heimrecht“ in Margits vier Wänden absprechen, aber ich habe immer Probleme, wenn ich irgendwo das Gefühl habe, dass Tiere den Menschen vorgezogen werden. Da fehlt mir dann nur noch eine Aussage der Klasse „Tiere sind so viel treuer als Menschen“ und ich gehe (zumindest innerlich) die glatten Wände hoch.

Für mich ist Tierliebe eine Facette der Liebe zum Leben(den) – und diese Liebe umfasst selbstverständlich auch Menschen, so schwer es die Margits dieser Welt es einem manchmal auch machen. Dabei versuche ich, die Tiere, mit denen ich zu tun habe, das sein zu lassen, was sie sind: Hunde, Katzen, Pferde – fühlende, empfindende Wesen, die manche Fähigkeit haben, die mir abgeht, die dafür aber andere nicht haben, über die ich verfüge (oder haben Sie schon mal einen Hund am Computer oder ein Pferd bei der Lektüre der ZEIT gesehen?). Sie haben an mich den Anspruch, bestmöglich versorgt und so artgerecht wie nur praktikabel gehalten zu werden. Ich fühle mich für sie verantwortlich, aber aus dem resultiert nicht, dass ich sie über die Menschen setze und für sie schöne, alte Sitten wie Gastfreundschaft über Bord kippe.

Ich möchte, dass meine Gäste sich wohl fühlen. Immer noch. Und trotz unserer Hunde. Aber muss das wirklich ein „trotz“ sein? Hunde sind Rudeltiere. Sie wollen klare Strukturen und sie fühlen sich als „Untertanen“ ihres Rudelführers (der gerne zweibeinig sein darf) durchaus wohl. Dafür akzeptieren unsere, dass die Polstermöbel unseres sind und sie sich in ihre Körbchen zu begeben haben. Dafür akzeptieren sie, dass sie nicht unsere „Babies“ sind, sondern unsere Hunde und dass wir nicht werten wollen, ob sie oder unsere Freunde uns wichtiger sind.

 

Advertisements
7 Kommentare leave one →
  1. Hellebora permalink
    6. Dezember 2011 07:53

    Boah, ich hätte wohl auf den Kaffee verzichtet *schüttel*

    • 6. Dezember 2011 10:37

      Du hast vollkommen recht. Ich hätte eigentlich sagen sollen: „Ich will deine Hunde nicht länger stören“. Aber ich bin ein doofes Schaf und mir fällt’s immer furchtbar schwer, „unhöflich“ zu sein. Dazu bin ich, was von Tieren verursachten „Dreck“ angeht, ziemlich hart im Nehmen – Reiterin halt. Wir sehen so manches nach dem Prinzip: „Meine Klamotten und meine Hände sind waschbar.“
      Damit will ich aber nicht impliziert haben, dass bei uns zuhause auch alles mit Hundehaaren überzogen ist! Ganz im Gegenteil: Mein Professor ist ein Pingel, der in Zeiten, wenn die Hundis haaren, auch schon zweimal am Tag mit dem Staubsauger durchs traute Heim wütet und hinterher noch feucht wischt, damit es ganz bestimmt ganz sauber ist.

  2. Hellebora permalink
    6. Dezember 2011 12:51

    Schick den Professor doch 2mal die Woche bei mir vorbei, bitte

    • 6. Dezember 2011 12:59

      Schönen Gruß von ihm: Zum Nacktputzen sei er definitiv zu alt. Zudem hast Du vermutlich keinen Dyson und ohne den geht’s bei ihm nicht. 😉

  3. Hellebora permalink
    7. Dezember 2011 14:58

    Aber ich hab nen Vorwerk und er darf auch ein Spitzenschürzchen tragen

    • 7. Dezember 2011 15:00

      Sorry, aber Vorwerk geht gar nicht. Der ist ja grün und hat lange nicht so schwellende, runde Formen wie sein heißgeliebter Dyson. 😉

  4. Helene permalink
    7. Dezember 2011 16:15

    Pöh dann eben nich 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: