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Patriotismus und so …

4. Januar 2012

Ich bin definitiv anglophil. Ich liebe einen Engländer und die englische Sprache; mein Lieblingsdichter ist ein Engländer; ich lebe ausgesprochen gerne in England und obwohl ich mir immer noch kein Marmite aufs Brot schmiere und meine Fritten nicht in seltsamem Malzessig ertränke, fühle ich mich recht gut an das Leben auf der Insel angepasst. Dennoch wird meine Assimilation wahrscheinlich nie so weit gehen, dass ich mich nicht mehr über die Briten wundere.

Nehmen wir zum Beispiel Englands Weihnachtshit 2011: „Wherever you are“ (http://www.youtube.com/watch?v=0hR6O7VxKaQ&feature=related), ein Liebeslied, gesungen von Frauen, deren Männer alle bei den englischen Streitmächten dienen. Um Weihnachten herum konnte man diesem Song in England schlichtweg nicht entkommen. Jeder Radiosender spielte ihn rauf und runter, im Fernsehen bekam man ihn mindestens dreimal serviert – und nein, ich habe nichts dagegen. Ich finde „Wherever you are“ sogar schön und gut gemacht.

Aber wann immer ich den Song gehört habe, versuchte ich, mir vorzustellen, was los wäre, wenn deutsche Soldatenfrauen ihre Männer als „Prince of peace“ besingen und in T-Shirts mit der Aufschrift „Mein Mann beschützt unseren Bundespräsidenten und unser Land – ich singe dafür“ auftreten würden. Abgesehen davon ,dass sich die Bundeswehrsoldaten wahrscheinlich dafür bedanken würden, für Herrn Wulff den Kopf hinhalten zu sollen – ich glaube, die Mädels könnten gar nicht so schnell singen wie nicht nur diverse Nachbarn in Europa (unter ihnen mit Sicherheit auch die Engländer, denn „Hun bashing“ hat bei ihnen ja Tradition), sondern auch so und so viele „politisch korrekten“ Leute in unserem Land laut darüber nachdenken würden, ob den Deutschen so viel Nationalbewusstsein zukommt.

Manchmal beneide ich die Engländer fast darum, wie sie ihren Patriotismus zelebrieren. Ich würde den Satz „Ich bin stolz, Deutsche zu sein“ nicht über die Lippen bekommen – ich hätte viel zu viel Sorge, dass man mich damit sofort in die braune Ecke stellt. Zudem habe ich ja nichts dafür getan, Deutsche zu sein, ergo ist es auch nichts, worauf ich stolz sein kann. Ich habe aber selbst mit dem Satz „Ich bin gerne Deutsche“ ein Problem – ich würde ihn wohl nie ohne die zusätzliche Erklärung, dass ich die Bundesrepublik Deutschland, die – ja, wenn man lange genug im Ausland unterwegs ist, sieht man das so – aus der deutschen Vergangenheit gelernt hat und für eine wirklich freiheitlich-demokratische Gesellschaft steht, mag und dass ich eben der deutschen Sprache, Literatur, Musik und Geschichte verbunden bin. Aber schon bei „Geschichte“ müsste ich wieder einschieben, dass ich sie als „Lehrbeispiel“ dafür begreife, dass wir unsere Demokratie beschützen und bewahren und dass wir aufkommende Ulta-Rechtstendenzen bekämpfen müssen.

Dabei neige ich als typische Deutsche wahrscheinlich dazu, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Mir wird zum Beispiel etwas unbehaglich, wenn ich während einer Fußballweltmeisterschaft sehe, wie plötzlich so und so viele Deutschland-Flaggen an Häusern und Autos hängen. Ich fühle mich dann an Zeiten erinnert, in denen Deutsche verpflichtet wurden, die Flagge eines tyrannischen Unrechts-Regimes zu zeigen.

Mir ist Patriotismus suspekt – und darum betrachte ich den der Engländer so erstaunt. Ich sehe da zum Beispiel meinen Professor, der sich als Historiker sehr wohl darüber bewusst ist, dass sich England geschichtlich auch nicht immer mit Ruhm bekleckert hat. Ihm ist durchaus klar, dass die Iren zu recht Resentiments gegen die Engländer haben und dass Indien nicht wirklich vom englischen Einfluss profitiert hat. Dennoch hat er überhaupt kein Problem damit, stolz auf sein Land zu sein. Wenn er bei großen, offiziellen Anlässen seine Orden aus der Schublade holt, pinnt er die Kriegsauszeichnungen neben die, die er als Zivilist bekommen hat – und ich glaube, er versteht nicht wirklich, warum ich das komisch finde. Und obwohl ihn Pop-Songs sonst wirklich nicht interessieren – „Wherever you are“ haben wir als DVD, von ihm gekauft, weil er das Projekt unterstützen wollte. Für ihn ist es keine Frage, dass die englischen Soldaten im Ausland Königin und Vaterland beschützen und dass das richtig ist.

Manchmal wünschte ich mir, ich wäre Engländerin – es wäre wahrscheinlich einfacher. Aber ic hbin Deutsche – und darum werde ich weiterhin die Engländer interessiert und durchaus geneigt betrachten und mich manchmal eben ein bisschen über sie wundern.

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4 Kommentare leave one →
  1. Claudia permalink
    4. Januar 2012 18:26

    My dear, da ich selbst einen Briten (legt er wert drauf, ist nämlich auch Schotte drin!) in der Familie habe, wundere ich mich mit Dir. Unser britisches Familienmitglied ist gerade wieder weg – bis April – eben für Vaterland und die Königin! Und wir hoffen alle, dass er heile wieder nach Hause kommt.
    Die Sache mit den Fahnen zu Weltmeisterschaften habe ich auch schon mal überdacht. Es scheint irgendwie so zu sein, dass man dann meint, kollektiv sein zu müssen! Schon merkwürdig, wenn man es den Rest des Jahres eigentlich nicht ist!

  2. 1. Februar 2012 15:52

    Dass die Engl nderin vor der Kamera eine gute Figur abgibt, konnte sie bereits als Model für die Dessous Marke Victoria s Secret beweisen.

  3. Tommy permalink
    21. Februar 2012 13:36

    Hmm,

    hier wunder ich mich ein wenig! Heute wird keiner gezwungen die Fahne in sein Fenster zu hängen! Aber ich denke da auch ein wneig anders! Finde es gut das die Deutschen heute mal ein wenig Fahne zeigen dürfen war ja lange nicht so! Man wurde ja sonst auch gleich als Nazi bezeichnet. Naja bin der Meinung das man auch immer ein wenig Stolz sein darf auf sein Land. Aber damit meine ich nicht das man Radikal sein soll oder sonstiges 😉

    LG

  4. Tommy permalink
    21. Februar 2012 13:42

    So habe dazu nochmal was gesucht und gefunden! Dieser Block wird von einem 17jährigen verfasst! Dieser Eintrag spricht mir so ein wenig aus der Seele auch wenn es von einem ziemlich jungen Menschen kommt. Aber diese Thematzikm ist auch eine sehr schwerfällig für mich. Denn jeder denkt da anders und auf einen wirklichen Nenner kommt man zumeist nicht!

    LG

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