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Waisenkind

21. März 2012
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In den letzten Monaten ist eine Menge passiert – und dabei auch etwas sehr trauriges: Am Freitag, den 24.Februar, ist mein Vater gestorben.

Ich war darauf vorbereitet, denn er war immerhin 93 und nach dem Tod von Mutter des Lebens sehr müde. In dem Jahr, das er (auf eigenen Wunsch) im Altersheim verbracht hat, klagte er immer darüber, dass er nicht mehr wolle, dass er gar nicht wisse, warum er denn noch da sein „müsse“ und wann er denn endlich sterben dürfe?

Dabei hat sich in diesem Jahr aber doch etwas entwickelt, was ich für fast unmöglich gehalten hätte. Bevor er ins Heim ging, war unser Verhältnis zueinander nicht gut. Er war mir gegenüber immer extrem kritisch und ich empfand ihn als sehr egoistisch, rücksichtslos und auf eine schwer zu ertragende Art anspruchsvoll. Und tatsächlich: Solange er zuhause war, konnte ich mich noch so sehr anstrengen – es war nie genug.

Im Februar 2011, einen Monat nach Mutters Tod, ging er dann ins Heim. Anschließend haben mein Bruder, meine Schwägerin und ich die Wohnung der Eltern aufgelöst. Danach blieb mir, mich um Vater im Heim zu kümmern, was in den ersten Monaten sehr viel Kraft und Nerven gekostet hat. Er klagte sehr viel und wollte nicht im Heim bleiben. Er war oft sehr verwirrt und dann fragte er immer wieder, wann er heim kommen könne. Wenn ich ihm dann erklärte, dass es die Wohnung nicht mehr gibt, sprach er davon, dass ich ihm ein Zimmer in einer Pension mieten solle.

Irgendwann hat er sich dann aber doch eingewöhnt und wurde wieder klarer. Und im Spätsommer fiel mir dann auf, dass er im Heim offenkundig „Lagerkoller“ hat. Sobald er raus war – und wenn man nur mit ihm den Weg hoch und auf die Einkaufsstraße ging – hörte er mit dem Jammern auf und war nur noch mit Gucken und Staunen beschäftigt. Also habe ich – auch um mir das deprimierende Jammern zu ersparen – angefangen, Ausflüge mit ihm zu machen. Ich habe ihn und seinen Rollstuhl ins Auto geladen und bin mit ihm ein bisserl raus gefahren. Es musste gar nicht weit sein – er fand’s ja schon spannend, wenn ich nur durch eines der Industriegebiete am Stadtrand gefahren bin und er gucken konnte, was sich da alles verändert hat und neu gebaut wird. Manchmal waren wir dann in einem kleinen Café, in das man gut mit dem Rollstuhl reinkommt, aber ich stellte bald fest, dass das Einkehren und außer Haus essen gar nicht so der Punkt war. Er wollte nur raus und was anderes sehen. Und so waren wir im Oktober noch auf der Schwäbischen Alb – die Ecke, in der er so oft wandern war. Er war selig und bei diesen Ausflügen wirklich gut zu haben.

Während er im Heim war, hat sich unser Verhältnis zunehmend gebessert. Ich habe gelernt, auch mal was zu „überhören“, er unterdessen wurde immer lieber und dankbarer. Bei unseren Ausflügen war er immer ganz hin und weg und sagte ganz oft: „Du machst dir so viel Mühe mit mir …“ Auch anderen gegenüber erzählte er dann immer, wie gut ich mich um ihn kümmern würde und dass er das nie erwartet hätte und so froh sei. Und schließlich hat er sogar mal einer Schwester gesagt, es tue ihm leid, dass er früher immer so hart und bös‘ zu mir gewesen sei .

Allerdings hatte ich im Januar und Februar nicht so sehr viel Zeit für ihn. Ich habe sehr viel gearbeitet, daher kam er ein bisschen zu kurz, worüber er sich aber nicht beklagt hat. Er rief nur manchmal an und sagte: „Ich wollte nur wissen, wie’s dir geht“.

Am 24. wollte ich ihn eigentlich nicht besuchen. Ich hatte für den Samstag darauf einen Ausflug mit ihm geplant. Aber dann habe ich am 24. morgens für ihn eingekauft und weil ich in einem Supermarkt war, bei dem der Bäcker gut ist, habe ich drei Butterbretzeln für ihn richten lassen und bin dann doch – im Gedanken: „Ich flitze g’schwind rein, gebe ihm seine Sachen und haue dann wieder ab“ – im Altersheim vorgefahren. Es war um die Mittagszeit herum und so erwartete ich eigentlich, dass er im Speiseraum sein würde. Doch als ich da auf den Flur einbog, kam mir eine Schwester entgegen: Der Arzt sei bei Vater. Ihm sei vorher in der Tagesgruppe übel geworden …

Als ich in sein Zimmer kam, lag er im Bett, der Arzt hatte ihm gerade eine Spritze gegeben. Vater sah furchtbar schlecht aus und klagte über Bauchschmerzen. Der Arzt meinte, er habe wohl den Magen-Darm-Virus erwischt, der gerade umgehe und er halte nichts davon, seine Patienten schon beim ersten Anzeichen eines Unwohlseins ins Krankenhaus zu schicken. Dummerweise war das der Vertreter unseres gemeinsamen Hausarztes. Der war nämlich im Urlaub.

Ich saß eine Weile bei Vater, der sehr jammerte. Was mich aber am meisten irritierte, war, dass seine Hände eiskalt waren und sein Puls ganz langsam, wenn ich ihn überhaupt tasten konnte. Trotzdem bin ich dann nach ungefähr eine Stunde wieder gegangen – ich glaubte wirklich an einen Magen-Darm-Virus und ich hätte dann nicht die ganze Zeit bei ihm sitzen können.

Natürlich habe ich mit der Schwester ausgemacht, dass sie sich sofort meldet, wenn sich etwas in Vaters Befinden verändert. Um 16:00 h rief sie dann an: Vater ginge es schlechter, deswegen hätten sie einen Krankenwagen gerufen. Als die Sanitäter Vater vor dem Heim einladen wollen, sei er kollabiert. Nun sei seit einer Viertelstunde der Notarzt da …

Ich fragte, ob ich kommen solle. Davon riet man mir ab – ich könnte ja im Moment eh nichts machen.

Weitere 10 Minuten später rief das Heim wieder an: Die Notärztin wolle mich sprechen. Sie sagte mir, dass Vater einen Herzinfarkt erlitten habe. Ob es eine Patientenverfügung gebe? Ich sagte ihr darauf, dass es die gibt und dass wir – mein Bruder und ich – außerdem Generalvollmacht hätten. Ich sagte ihr auch, dass Vater bestimmt keine lebensverlängernden Maßnahmen wolle, wenn es  ihm richtig schlecht gehe.

Er wurde darauf ins Karl-Olga-Hospital eingeliefert. Ich habe dort angerufen und gefragt, ob ich kommen könne beziehungsweise solle. Wieder riet man mir ab: Man müsse ihn erst einmal aufnehmen und versorgen und in der Zeit könnte ich ja eh nur warten. Man rufe mich an, wenn er auf Station sei.

Ich habe dann mit einer lieben Freundin telefoniert, die Tierärztin ist – und die hat mich darüber aufgeklärt, dass die Symptome auf einen schweren Hinterwandinfarkt hinweisen, den man schon als junger Mensch kaum überleben könne.

Um sechs rief dann das Krankenhaus an: Vater sei auf Station – und ich könne kommen und über Nacht bei ihm bleiben. Ich packte also mein Zeug, rief ein Taxi und ließ mich ins Krankenhaus fahren. Vater lag in einem sehr schönen Einzelzimmer, hatte eine Atembrille in der Nase und eine Infusion im Arm. Das war’s aber auch schon.

Er sah schlimm aus – schon ganz weit weg. Und dazu waren seine Hände eiskalt und ich konnte am Arm keinen Puls mehr fühlen. Er atmete sehr schwer, aber er war in einer ganz tiefen Ohnmacht. Eine Weile saß ich bei ihm, las ihm ein paar Absätze aus seinem Lieblingsbuch vor und betete für ihn. Dann kam die Ärztin und sagte mir, es sei tatsächlich ein sehr schwerer Hinterwandinfarkt gewesen, der sehr viel Herzgewebe zerstört habe. Sie könnten nun nichts mehr für ihn tun als mit Morphin dafür zu sorgen, dass er bestimmt keine Schmerzen leidet. Und nein, er würde mit ganz hoher Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal zu Bewusstsein kommen.

Meine Tierarztfreundin hatte mich diesbezüglich auch schon aufgeklärt: Bei einem Hinterwandinfarkt seien Magen-Darm-Beschwerden ziemlich typisch. Der Herzbeutel schwelle an und drücke auf die dahinter liegende Speiseröhre, dadurch würde die Magen-Darm-Symptomatik ausgelöst (auf meine staunende Frage, woher sie da so gut Bescheid wisse, meinte sie etwas verlegen, das wisse jeder Tierarzt. Hinterwandinfarkte seien eine sehr häufige Todesursache beim Schwein). Der Patient bliebe ziemlich lange bei Bewusstsein, doch in der Zeit passiere schon allerlei im Körper: Das geschädigte Herz schaffe es nicht mehr, alle Organe mit Blut zu versorgen, also schalte der Körper der Reihe nach alles, was er nicht unbedingt brauche, ab. Das beginne meist mit den Extremitäten, die nicht mehr durchblutet würden (daher waren seine Hände so kalt und ich konnte keinen Puls mehr fühlen), dann werde das Verdauungssystem abgeschaltet, anschließend Milz und Leber, dann die Nieren – und an dem Punkt dann meist auch das kognitive Bewusstsein. Der Patient falle ins Koma und sterbe dann entweder daran, dass das geschädigte Herz zu schlagen aufhöre oder an einem multiplen Organversagen.

Ich fragte die Ärztin nach einer Prognose, wie lange es noch dauern könne. Konnte sie nicht sagen. Es könnte über den Samstag gehen, es könnte auch in den nächsten Stunden passieren. Nachdem sie gegangen war, verabschiedete ich mich dann. Ich betete noch mal das Vater Unser, dann habe ich ihn gesegnet, seine Stirn geküsst und bin gegangen.

Es war ganz seltsam: Bei Mutter hatte ich, obwohl sie ja schon tagelang im Koma lag, das Gefühl, dass sie irgendwie noch „da“ ist und dass sie mitkriegt, dass ihr ältester Enkel, ihre jüngste Schwester und ich bei ihr sind. Darum bin ich bei ihr bis zum Ende geblieben. Bei Vater hingegen hatte ich das Gefühl, dass er schon gegangen ist und dass da nur noch die leere Hülle liegt, die auf ihr Erlöschen wartet. Darum bin ich gegangen.

Um neun hat dann das Telefon geklingelt und als sich die Ärztin mit „Karl-Olga-Krankenhaus, Doktor Sowieso“ meldete, rutschte mir ein fast erleichtertes: „Er hat’s geschafft!“ raus. Ich hab’s in dem Moment so empfunden: Vater hatte es geschafft. Zwei Tage vor Mutters Geburtstag ist er zu ihr gegangen.

Und so traurig ich bin, so ist es doch ein tröstlicher Gedanke, dass er jetzt bei seiner geliebten Gerda ist und ihm nichts mehr wehtut und er sich nicht mehr alleine und „nutzlos“ fühlt.

Wir haben ihn neben ihr begraben und nun steht auf dem Grab ein Kreuz mit beider Namen – endlich wieder zusammen. Und ich gewöhne mich nun langsam daran, keine Eltern mehr zu haben. Dabei bin ich aber sehr dankbar, dass Vater und ich dieses letzte Jahr zusammen gehabt haben, dass wir uns versöhnen konnte und dass ich jetzt ein paar liebe Erinnerungen an ihn habe.

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One Comment leave one →
  1. 2. April 2012 19:00

    Mahlzeit! Ich vermisse den Facebook Gefaellt mir Button? 🙂

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