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Verliebt, verlobt und wertgeschätzt

16. April 2012

Lesen bildet – und so habe ich heute Morgen diesbezüglich schon das meine getan und mich in die Online-Ausgabe der „Bunte“ vertieft. Dort wurde ich nämlich heute über die „fünf Geheimnisse“ von Angelina Jolies Verlobungsring aufgeklärt ( http://www.bunte.de/stars/angelina-jolie-fuenf-geheimnisse-ueber-ihren-verlobungsring_aid_31594.html). Nun muss ich gestehen, dass es mich nicht unbedingt bewegt hat, welcher Nobel-Juwelier den Ring zusammen gebastelt hat, aber dafür habe ich was anderes erfahren: „In Sachen Verlobung gibt es bei Frauen bekanntlich immer nur ein Thema – der Ring.“

Abgesehen von der schrägen Grammatik dieses Satzes: Ich habe ja in meiner Naivität früher immer angenommen, dass für eine Frau der Bräutigam oder vielleicht die Beziehung das wichtigste an der Verlobung sind, aber diesbezüglich wurde ich schon vor einigen Jahren von einer amerikanischen Freundin eines Besseren belehrt.

Bei einem Strandspaziergang zeigte sie mir stolz ihren Verlobungsring – und das war in der Tat ein sehenswerter Klunker: Innen ein nicht eben kleiner Brilli, drum rum ein paar Saphirsplitter, das Ganze in Weißgold gefasst und durchaus hübsch. Doch ich wusste aus früheren Erzählungen jener Freundin, dass sowohl sie wie auch ihr Ehemann bei der Verlobung noch Studenten waren. Er wohnte noch bei seinen Eltern, sie in einem Einzimmer-Appartement. Demgemäß äußerte ich die Vermutung, dass es sich bei dem Klunker um ein Erbstück aus der Familie des Bräutigams handle, worauf mich B. aus großen, fast etwas empörten Kulleraugen anschaute und erklärte, dass dem selbstverständlich nicht so sei. Ihr Herr habe den Ring natürlich bei einem Juwelier speziell für sie gekauft.

Ich schluckte, denn obwohl ich nicht viel von Schmuck verstehe, war mir doch klar, dass  dieser Ring eine Kleinigkeit gekostet hatte. Der Preis wurde mir dann auch ohne Nachfrage geliefert: $ 6000 habe sich der Bräutigam diesen Ring kosten lassen. Natürlich habe der Studiosus damals das Geld nicht bar gehabt, also habe er einen Kredit aufgenommen. Das sei ja so üblich …

An der Stelle fiel B. dann wohl auch, dass mir die Kinnlade sehr weit heruntergeklappt war (ich fürchtete schon, nachher Schleifspuren vom Sand daran zu haben) und sie wollte wissen, was mich denn so irritiere. „Äh, also, wenn ich heiraten und eine gemeinsame Wohnung einrichten wollte, würde ich meinen Bräutigam was husten, wenn er einen Kredit über 6000 Dollar für einen Ring aufnimmt. Ich meine, da wären doch vorher ein paar andere Anschaffungen wichtig gewesen, oder?“

B. sah das absolut nicht so – und klärte mich im Folgenden darüber auf, dass dieser Ring ja ein Beleg für die Wertschätzung sei, die ihr der künftige Ehemann entgegen gebracht habe. Und wie sie denn vor ihrer Familie und ihren Freundinnen da gestanden wäre, wenn er ihr irgendein Billigteil geschenkt habe? Die hätten dann ja alle geglaubt, dass ihr Bräutigam sie nicht schätze!

Ich dachte an der Stelle, dass die gute B. wohl etwas sehr materialistisch eingestellt ist. Doch in den nächsten Jahren lernte ich, dass sie mit der Einstellung unter Amerikanerinnen nicht alleine ist. Wann immer eine Amerikanerin von „Verlobung“ erzählte, war der Ring das große Thema – und mehr noch: Als ein englischer Freund von mir auf die Idee kam, seiner amerikanischen Freundin einen Antrag zu machen und ihr dazu den Ring seiner Großmutter – das einzige Familienerbstück, das er besitzt und das ihm, weil er die Großmutter sehr geliebt hat, sehr wichtig ist – überreichen wollte, wurde er nämlich von ihr darüber aufgeklärt, dass das ja gar nicht gehe. Wie sie denn mit diesem Ring vor ihre Familie beziehungsweise ihre Freundinnen treten sollte? Die würden doch – siehe oben. Und weil die Dame in der fünfjährigen Beziehung mit dem Briten wohl schon gelernt hatte, dass sie ihm manche Dinge ganz deutlich klar machen muss, bekam er dann auch noch erklärt, dass der Verlobungsring als Ausdruck seiner Wertschätzung seinem Einkommen zu entsprechen habe. Sprich: Die Anschaffung muss „weh tun“, denn nur so wird deutlich, dass die Braut dem Bräutigam wirklich etwas wert ist.

Gleichberechtigung spielt da offenkundig keine Rolle, denn ein amerikanischer Bräutigam bekommt bei der Verlobung keinen Ring. Er ist offenkundig dadurch, dass die Dame seinen Ring annimmt, genug belohnt.

Für mich ist das ein klarer Fall von „Andere Länder, andere Sitten“. Oder bin ich vielleicht neidisch? Ich lag dereinst in einem Krankenhausbett, als mir der Professor seinen Antrag gemacht hat. Und da er die letzten Stunden damit verbracht hatte, mein schweißfeuchten Patschhändchen zu halten und sich darum zu ängstigen, wie der Sturz vom Pferd sich wohl auf meinen angedatschten Kopf ausgewirkt hatte, war er nicht dazu gekommen, einen Ring zu kaufen. Als ich dann aus dem Krankenhaus entlassen war, haben wir gemeinsam unsere Eheringe gekauft. Einen Verlobungsring habe ich nie bekommen – und auch nie vermisst, weil ich sowieso keinen Schmuck trage (mein Ehering liegt in der Schatulle in meinem Bücherregal. Und seiner hängt an einer Goldkette um seinen Hals).

Weil ich mich aber nicht für das Maß aller Dinge halte, gönne ich anderen die Freude an ihrem Verlobungsring (und bewahre den meiner Mutter, an dem sie sehr gehangen hat, im Kästchen neben meinem Ehering auf). Was mich aber an der Geschichte in der „Bunten“ mopst, ist der Versuch, die für mich „uramerikanische“ Sitte, einen superwertvollen Ring zur Verlobung zu verschenken, zur internationalen Normalität erklären zu wollen. Ich hoffe nämlich für Angelina Jolie und Brad Pitt, dass für sie die Beziehung und der Mann, der ja jetzt schon Vater ihrer sechs Kinder ist, wichtiger sind als dieser Ring. Der ist eine Äußerlichkeit – im Fall Jolie/Pitt sicher eine materiell wertvolle und auch schöne. Aber ihn zum zentralen Punkt machen zu wollen, bezeugt meiner Ansicht nach eine sehr seltsame Einstellung zur Verlobung und zur Ehe.

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One Comment leave one →
  1. der Barstud permalink
    23. April 2012 16:08

    Man kann das auch ganz praktisch sehen: Wenn der Auserwählte es sich anders überlegt, hat man immer noch den Ring. Hauptsache, der Mann funktioniert als Versorger; ein Menschenbild wie in einer Disney-Schmonzette aus den fünfziger Jahren.

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