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Wie Moppelmaxe plant, reich und berühmt zu werden oder: Wir basteln uns einen Bestseller

6. Mai 2012

Eine leicht esoterisch angehauchte Freundin hat mir die Tage gesagt, dass 2012 das „Jahr der Entscheidungen“ sei. Ob sie das aus den Sternen oder Karten oder dem Kaffeesatz gelesen hat, weiß ich nicht, aber ich habe beschlossen, dass 2012 das Jahr meiner Entscheidung ist – und ich habe entschieden, reich und berühmt zu werden.

 

Nun ist es ja leider so, dass ich nicht singen kann. Ich weiß, ich weiß: Das hält viele Leute nicht davon ab, dennoch eine Karriere als Gesangsstar anzustreben und sich bei Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ zum Affen zu machen. Aber dafür bin ich zu alt. Als Supermodel bei Heidi Klum kann ich auch nicht reüssieren und einer Karriere in Hollywood stehen nicht nur meine absolute Talentfreiheit im Weg (obwohl … Hugh Grant ist auch talentfrei und hat’s trotzdem geschafft), sondern auch meine Abneigung gegen Scheinwerferlicht. Fernsehköchin kann ich auch nicht werden – oder kennen Sie eine, die bei ihrer Kochsendung in einem gemütlichen Sessel sitzt und dabei in aller Gemütsruhe Gemüse schnippelt (wenn ich es nicht in aller Ruhe mache, schneide ich mir bestimmt in die Finger)? Bliebe noch Gesundheitsguru. Aber dann müsste ich, um originell zu sein, bestimmt öffentlich irgendwelche Dinge essen, die ich nicht so toll finde (oder glauben Sie, ich könnte die Welt davon überzeugen, dass Nougat und Marzipankuchen schön und gesund machen?).

 

Es bleibt mir also nur, mich in dem Feld auszutoben, in dem ich wenigstens ein gewisses Talent habe. Ich muss einen Bestseller schreiben.

 

Dazu habe ich natürlich erst mal die Bestseller Listen analysiert und festgestellt, dass es offenkundig drei Möglichkeiten gibt:

 

1. Tabubruch à la Charlotte Roche. Nachdem sie aber die „Feuchtgebiete“ und die „Schoßgebete“ schon erledigt hat, müsste ich vermutlich 240 Seiten über die Freuden einer geregelten Verdauung von mir geben. Oder – nachdem die Vagina-Monologe schon sehr gut gelaufen sind – die Bekenntnisse einer linken Brust (ja, ich war geneigt, an dieser Stelle ein anderes Wort zu verwenden, aber ich möchte den Suchmaschinen kein Futter geben)? Aber dafür wäre Pamela Anderson vielleicht besser qualifiziert als ich. Und ein Tabubruch wäre das auch nicht.
Hmmm … sollte ich es vielleicht mit dem absoluten Schocker versuchen? „Bekenntnisse einer Asexuellen“? Wäre zwar gelogen, aber wen stört das? Ich könnte auf 140 Seiten behaupten, dass Sex sowieso überschätzt wird, dass männliche Geschlechtsorgane Nacktmullen ähneln (das würde zumindest einige Männer schocken) und dass man ohne Sex besser lebt.
Aber wenn ich so drüber nachdenke, habe ich eigentlich nicht so wirklich Lust auf Lustlosigkeit. Kommen wir also zur zweiten Option:

 

 

2. Vampire. Wenn man die Bestseller-Listen anguckt, könnte man fast meinen, jeder sollte einen haben. Oder zumindest über einen schreiben. Er muss natürlich irre schön sein, der Vampir. Und edelmütig darunter leiden, dass er ein Vampir ist. Oder könnte ich einen fabrizieren, der so richtig Spaß daran hat?
Nein, ich hab’s: Ich produziere „Isadora, die Herrin der Vampire“. Isadora ist die Obervampirin – schneewittchenschön, zum Fliegen fähig und mit dem edelsten aller Särge in einer schicken Gruft ausgestattet. Ihr Problem ist nur, dass sie sich in einen Sterblichen verliebt und dass sie dann über sieben Bände rumkaspert, bis ihr endlich die naheliegende Lösung kommt: Beißen und gut ist’s. Dazwischen muss Isadora, die natürlich sämtliche Kampftechniken, die je ersonnen wurden, bestens beherrscht, noch diverse Kämpfe mit bösen Worgs, die die Menschheit vernichten wollen, bestehen und sich gegen die Intrigen eines Mitvampirs, der ihr an die Wäsche und an den Thron will, wehren. Und in der Verfilmung wird der Mitvampir von Alan Rickman gespielt und der Sterbliche von Robert Pattinson – damit ist sicher, dass Tausende von Frauen mindestens dreimal ins Kino rennen.
Blöd ist nur, dass ich Fantasy immer ziemlich langweilig fand. Ich habe nie verstanden, warum ich mich für die Probleme irgendwelcher Hobbits interessieren sollte und habe den „Herrn der Ringe“ dereinst im Überflug gelesen und die Filme mit dem Finger auf der Schnell-Vorlauf-Taste gesehen. Immer, wenn die Hobbits und ihre Gefährten auf ihrer Wanderung mal wieder von irgendwelchen Fieslingen angegriffen wurden, habe ich vorgespult – ich wusste ja, dass die bis zum Ende gebraucht werden, ergo bei den diversen Kämpfen nicht wirklich was abkriegen können.
Bleibt also die dritte Option: Was historisches.

 

3. Geschichte – und wie! Das Rezept für einen erfolgreichen historischen Roman ist einfach: Man sucht sich erst einmal einen ausgefallenen Beruf, der garantiert nicht von Frauen ausgeübt wurde. Nachdem Salzsiederin, Päpstin und Zuckerbäckerin schon durch sind, könnte ich zum Beispiel eine Falknerin kreiern. Oder wie wär’s mit einer Schmiedin (die weiß dann, wo der Hammer hängt)? Auf die Zunftordnung, die damals Frauen in solchen Berufen verboten hat, ist gepfiffen. Seit wann lässt man sich denn bei einem historischen Roman von historischen Fakten ausbremsen?

Wenn ich so drüber nachdenke: Ich könnte eine Kreuzritterin schreiben – mit schimmernder Rüstung (wetten, dass ein Kettenhemd auch eine D-Brust flachquetscht? Also hätte ich kein Problem damit, meiner Heldin eine Topfigur anzudichten, ohne dass sie darin in ihrer Hosenrolle behindert wird) und unglaublich intelligentem Pferd. Die Dame, die selbstverständlich aus kleinen Verhältnissen stammt, hat schon als Kind immer glänzende Augen bekommen, wenn die Templer auf ihren Pferden mit wehenden Mänteln am Acker, auf dem sie Kartoffeln aufsammeln musste (was? Kartoffeln gab’s im Mittelalter noch gar nicht? Okay, okay, dann zupft sie halt Unkraut zwischen Getreide), vorbei geklappert sind. Darum hat sie dann 14jährig beschlossen, sich die Haare abzuschneiden, die sprießenden Brüste flach zu wickeln und sich als Knappe bei einem von ihr angeschwärmten Ritter zu melden.
Natürlich ist unsere Heldin superbegabt mit Schwert und Pferd und so steigt sie innerhalb von kürzester Zeit zur Ritterin auf – und durchleidet auf dem Weg seelische Qualen, weil sie in ihren Ritter verknallt ist. Der wiederum schwitzt auch fast die Rüstung rostig, weil er in seinen Knappen verknallt ist (seine allfällige Verwirrung kann man ja bei Shakespeare abschreiben – der Orsino in „Was Ihr wollt“ fühlt sich ja auch reichlich davon irritiert, dass er erst in Olivia verknallt ist, dann aber seinen Pagen, in dem die verkleidete Viola steckt, sehr schnuckelig findet).
Auf dem Weg ins Heilige Land – echte Kreuzritter müssen natürlich kreuzzugen – offenbart sich unsere Heldin ihrem Helden. Das erlaubt mir, eine heiße Liebesszene (der Professor, den ich nebenbei über meinen Plot informiere, grinst mich gerade über den Schreibtisch an und meint, der leidenschaftlich-heißen Liebesnacht stehe in dem Fall aber entgegen, dass es damals noch keine elektrisch betriebenen Dosenöffner gegeben habe. Ergo hätte es bei Ritters immer leidenschaftstötend lang gebraucht, bis sie aus der schimmernden Wehr heraus gekrabbelt seien. Aber das sind wieder historische Fakten, denen ich keineswegs erlauben werde, meiner Geschichte im Weg zu stehen) zu schreiben – vielleicht im Anschluss an eine Schlacht, aus der der Herr Ritter die Heldin rettet, in dem er sie auf sein Pferd zieht? Und dann galoppieren sie in den Sonnenaufgang und dabei tun sie’s und es ist natürlich unglaublich gut.
Anschließend wird das Paar aber durch irgendwelche widrigen Umstände, die ich mir noch ausdenken muss, getrennt. Die schwangere Heldin (merke: Im Roman klappt’s immer gleich beim ersten Mal) verbringt dann die nächsten 300 Seiten damit, vergeblich ihren Liebsten zu suchen und ihr Kind zu kriegen (selbstverständlich eine Tochter – die Zielgruppe sind ja Frauen). Am Ende des Buches gerät sie, nun wieder – Tarnung ist alles – in Frauenkleidung unterwegs bei einem Sultan in Gefangenschaft. Der ist unglaublich gutaussehend, gütig, kultiviert und in die Heldin verliebt. Doch sie kann ihren Ritter nicht vergessen und so endet der erste Band damit, dass sie ihr Blag unter den Arm klemmt, dem Harem entkommt und wieder auf die Suche nach ihrem Liebsten geht.
Im zweiten Band – der bekommt einen so schönen Titel wie „Der Irrweg der Kreuzritterin“ – sitzt unsere Heldin der Fehlinformation auf, dass ihr Liebster dahin gemetzelt wurde. Außerdem wird sie von den Häschern des Sultans wieder eingefangen und in den Harem zurück gebracht, wo sie dann seinem Werben nachgibt und seine Geliebte wird. Sie bekommt noch ein Kind – den Lieblingssohn und künftigen Erben des Sultans. Doch dann kommt der Sultan irgendwie um, unsere Heldin wird Regentin (pfeif darauf, dass das im Orient damals bestimmt nicht möglich gewesen wäre. Leser, die an eine Päpstin glauben, kaufen mir auch eine Sultanin ab) – und als solche steht sie auf dem Schlachtfeld den Kreuzrittern gegenüber und muss feststellen, dass ihr Ritter, nachdem er in einer Schlacht eine auf den Deckel gekriegt und den totalen Gedächtnisverlust erlitten hat, inzwischen zum Großmeister der Ritter und zu ihrem erbittertsten Feind geworden ist. Damit endet der zweite Band.
Der dritte heißt dann „Die Kreuzritterin – der lange Ritt zurück“ (oder so) und darin ömelt unsere Sultan auf der Suche nach einer Möglichkeit, dem Großmeister sein Gedächtnis zurück zu geben (damit er endlich Alimente für das Blag zahlt … oder so), 400 Seiten lang durch die Gegend. Am Ende kehrt sie in ihre alte Heimat zurück und da endet der dritte Band.
Im vierten hat sie eine Burg in der alten Heimat gebaut, wird von einem Minnesänger angebetet und vom fiesen Abt des Nachbarklosters verfolgt – der will nämlich das Blag vom Großmeister, inzwischen 14 Jahre alt und schön wie nichts (kann ja bei den Eltern nicht anders sein), flach legen. Am Ende galoppiert der Großmeister zur Rettung seiner bedrohten Familie heran, obwohl er gar nicht weiß, dass es seine Familie ist. Er kriegt noch mal eine auf den Deckel, worauf er sich – in einer herzzerreißenden, tränentreibenden Szene – sterbend an die einzig Geliebte erinnert.
Damit sind wir dann im fünften Band: „Die Rache der Kreuzritterin“. Madame macht den bösen Abt alle, verlässt ihre Burg, reitet mit dem Blag wieder ins Heilige Land, besucht Sultan-Söhnchen und vollendet ihr Lebenswerk, in dem sie mal kurz die Ritter und die Araber aussöhnt (was, wie, die Geschichte gibt das nicht her? Waren wir uns nicht darüber einig, dass wir geschichtliche Fakten ignorieren?). Dabei geht sie leider, leider drauf. Macht aber für den Fortgang der Serie nicht viel, denn
nun ist der sechste Band dran: „Die Tochter der Kreuzritterin“. Was die erlebt, weiß ich noch nicht, aber eines ist schon mal klar: Bis der Band zu schreiben ist, bin ich reich und berühmt, muss nur noch einmal im Jahr 400 Seiten basteln und habe bis zum Lebensende (der letzte Band: „Der Urenkel der Kreuzritterin“ bleibt dann unvollendet) ausgesorgt.

Klasse, oder?

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5 Kommentare leave one →
  1. Claudia permalink
    6. Mai 2012 12:15

    Klingt echt interessant, lol! Also, ich hoffe, ich bekomme auch ein Exemplar ab von dieser Serie. Mal schauen, wie viele „Bekannte“ Du da wieder einbauen kannst. Übrigens, ist ein weiblicher Sultan evtl. eine Sultanine?! So, nun genug gelacht!

  2. Bernd, der mit dem Cortex oben permalink
    6. Mai 2012 12:31

    Klasse moppelmax.
    Vor allem der Absatz über Tabubruch gefällt mir als Mann!
    Du weißt ja: Männer sind chronisch oversexed and underfucked.
    Und zu Frau Roche ein Zitat von
    http://www.der-postillon.com/2012/05/newsticker-304.html
    „++++ Schreibtischlampe? Bei Charlotte Roche brennt nachts noch Licht ++++ “

    Lies das erste Wort mit Pause zwischen „ti“ und „sch“ … 😉

    • 6. Mai 2012 12:49

      Pfui, Bernd, was biste gemein! Frau Roche produziert richtige Literatur – das muss man doch respektieren! Im übrigen bin ich auch eine Schreibtischlampe. 😉

  3. Reinhold permalink
    27. Januar 2013 19:22

    Hallo,
    Tut mir leid daß ich dir damit deinen Traum vom Bestseller verderbe. 😉
    Aber mit dem Roman über eine Kreuzritterin kommst Du aber auch zu spät.

    Wolfgang Hohlbein/ Teil 1 Die Templerin
    Teil 2 Der Ring des Sarazenen
    Teil 3 Die Rückkehr der Termplerin

    Brauchst Du aber nicht lesen. Du hast oben schon eine fast perfekte Übersicht geschrieben. 🙂

    Bei deinen Rezepten würde ich dir enpfehlen ein Kochbuch rauszubringen das würd ich auch noch kaufen.

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