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Das neue Mutterglück

17. Mai 2012

Als ich noch klein war, wäre ich gerne ein Junge gewesen. Abgesehen davon, dass ich Kleidchen hasste, Strumpfhosen kratzig fand und es hasste, wenn mich meine Mutter morgens zwischen die Knie klemmte, um mir die immer verknubbelten Locken durchzukämmen (das hat wirklich geziept wie nichts! Ich habe bis heute eine Abneigung gegen lange Haare und Kämme), hatten die Jungs ja auch immer das viel spannendere Spielzeug. Was ist schon eine Puppe gegen einen Kosmos Elektrobaukasten (mein Bruder hat mal einen geschenkt bekommen und nie damit gespielt. Für mich aber war’s Wonne)? Und wer will einen Puppenwagen, wenn er auch ein Tretauto haben könnte? Ich fühle mich bis heute manchmal versucht, mir eine Carrera-Rennbahn zu kaufen, ich habe öfter mit der Eisenbahn gespielt als mein Bruder und wenn’s darum geht, etwas am Auto zu reparieren, habe ich unter Garantie größere Chancen als mein Bruder.

Dennoch bin ich heute froh, eine Frau zu sein. Ich mag Frauen, ich genieße meine engen Freundschaften mit tollen Frauen, ich betrachte mich selbst als durchaus emanzipierte Frau, ich bin davon überzeugt, dass ich in vielen Gebieten das Gleiche (wenn nicht sogar mehr) leisten kann als ein Mann, ich würde mir garantiert nicht von einem Kerl sagen lassen, was ich zu denken und zu tun habe. Ich werde ausgesprochen fuchtig, wenn mir Männer erzählen wollen, dass wir Frauen doch in Sachen Gleichberechtigung schon alles erreicht hätten und es macht mich sauer, dass Frauen in den meisten Jobs immer noch benachteiligt werden, dass Frauen weniger verdienen als Männer und dass wir viel mehr nach Äußerlichkeiten beurteilt werden.

Dennoch kann ich mich in letzter Zeit des öfteren des Gefühls nicht erwehren, dass einige meiner Geschlechtsgenossinnen es mit der „Emanzipation“ – oder wie immer man das nennen will, was die betreiben – übertreiben. Da ist zum Beispiel die Stilldebatte, die bei den Amerikanern aufgekommen ist und jetzt auch lustig bei uns geführt wird. In dem Zusammenhang habe ich eben auf einem Forum gelesen, wie eine Frau den Männern, die sich an der Diskussion beteiligen wollten, kurzerhand den Mund verboten hat. Sie könnten das eh nicht beurteilen, obendrauf gehe es sie nichts an, also sollten sie sich raushalten.

Hmmm. So viel ich weiß – und ja, ich gebe zu, dass mein diesbezügliches Wissen theoretisch ist – braucht es immer noch einen Mann, um ein Kind zu zeugen. Der wird dann Vater desselben – und wenn ich mich unter den Männern in meinem Umfeld angucke, so sehe ich vorwiegend Väter, die diese Rolle sehr ernst nehmen, denen ihre Kinder sehr wichtig sind, die sie lieben und die sich auch dann, wenn die Gören schon lange erwachsen sind und sie zu Großvätern gemacht haben, noch eine Menge Gedanken um sie machen. Und auch wenn mein Vater und ich es manchmal schwer miteinander hatten, bin ich froh, dass es ihn gegeben hat und vermisse ihn sehr. Mir ist erst jetzt bewusst geworden, wie sehr er doch eine der „Konstanten“ in meinem Leben war und wie viel Sicherheit mir selbst in den Zeiten, in denen wir uns über nichts einigen konnten, gegeben hat. Solange er lebte – und ja, das galt sogar noch für die Zeit, in der er im Altersheim war und meine Hilfe brauchte – wusste ich immer, dass ich, selbst wenn alle Stricke reißen, jemanden habe, der immer und unter allen Umständen zu mir halten wird.

Ja, ich kenne Menschen, die ohne Vater aufgewachsen sind. Mir ist bewusst, dass tausende von Frauen, die ihre Männer im Krieg verloren hatten, die Aufzucht ihrer Kinder alleine gestemmt haben, ich erlebe jetzt, wie junge Frauen, deren Partnerschaft in die Brüche gegangen ist, es alleine schaffen. Doch ich habe noch nie jemanden getroffen, der nicht an seinem Vater interessiert gewesen wäre. Selbst der Freund, der mit seinem Vater so über Kreuz war, dass er ein Jahrzehnt lang keinen Kontakt zu ihm hatte, gibt heute zu, dass der, den er viele Jahre lang nur „meinen Erzeuger“ genannt hat, einer der wichtigsten Menschen in seinem Leben ist und dass es ihm – obgleich er, als es endlich zur Aussöhnung mit dem Vater kam, absolut selbständig, selbst Vater und schon Anfang 50 war – besser geht, seit er sich mit dem alten Herrn ins Benimm gesetzt hat.

Darum stößt es mir sauer auf, wenn nun in der Stilldebatte die Männer zum Stillschweigen verdonnert werden sollen. Sie sind die Väter – und haben die nicht ein Recht, über ihre Kinder mit zu entscheiden? Sollten sie nicht gehört werden? Zudem ist es doch so, dass zumindest einige der Damen, die auf der einen Seite das Recht einfordern, über „Frauenfragen“ wie das Stillen ganz alleine entscheiden zu dürfen, auf der anderen Seite von ihren Kindsvätern erwarten, dass die finanziell für ihre Kinder einstehen.

Spätestens da wird für mich der neue Trend zur „Vollmütterlichkeit“ (wir erinnern uns: Die Frage, unter der „Times“ das Bild vom Dreijährigen an Mutters Brust gezeigt hat, hieß: „Are you mom enough?“) fragwürdig. Ich will die Leistungen von Müttern keineswegs herabsetzen und ich bin selbst die Tochter einer Mutter, die sich sehr bewusst für Mutterschaft entschieden hat und in meinen frühen Jahren immer für mich da war. Ich respektiere und bewundere jene Freundin, die es geschafft hat, ihr zweites juristisches Staatsexamen zu bestehen, obwohl sie zur gleichen Zeit schon ihr erstes, durchaus schwieriges Kind hatte und die danach keine „Karriere“ anstrebte, sondern zuhause blieb, um ihre Kinder aufzuziehen.

Aber ich sehe heute auch, wie zum Beispiel die Engländerinnen es schaffen, Kind und Karriere zu vereinbaren und wie zum Beispiel eine meiner Stieftöchter ihren drei Kindern sicher eine sehr gute, liebevolle Mutter war, aber dennoch „nebenher“ Karriere gemacht hat. Natürlich haben die Engländerinnen dabei den Vorteil, dass sie in einem Land leben, in dem es zum Beispiel für große Unternehmen fast selbstverständlich ist, einen Kindergarten zu haben, der schon die Kleinsten aufnimmt; dass in England schon die Sechsjährigen zuverlässig fünf Tage in der Woche von morgens um 8:00 h bis nachmittags um 17:00 h in der Schule sind und Muttern nicht versuchen muss, ihren Job mit einem wöchentlich wechselnden Stundenplan zu koordinieren.

Und wenn ich dann die mir bekannten englischen Kinder mit den deutschen vergleiche … so sorry, ihr lieben deutschen Landsleute und speziell ihr deutschen Vollzeitmütter, die ihr vom Babyschwimmen bis zur Krabbelgruppe aus der Aufzucht eurer Kinder einen stressigen Vollzeit-Job macht: Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass die armen, kleinen Engländer, die schon ganz früh in die Krippe kommen und dann in die Ganztagesschule, die keine Chance haben, Muttern als Taxifahrerin für die Ballett-, Reit-, Flöten-, Artistik-Training- und sonstige Stunde einsetzen zu können, deutlich besser sozialisiert und sozialverträglicher sind als manche von den deutschen Prinzen und Prinzessinnen mit ihrem „Ich bin der Mittelpunkt der Welt“-Anspruch.

Ich habe ein ungutes Gefühl bei der Vorstellung, dass Kinder drei Jahre an Mutters Brust hängen. Ich habe ein noch unguteres Gefühl dabei, wenn Mütter dann dafür, dass sie zuhause bleiben und ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken, auch noch eine „Herdprämie“ bekommen sollen. Es bereitet mir profundes Unbehagen, wenn Frauen die Männer aus der Debatte ausschließen sollen und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige Frauen es hier mit dem Recht zur „Selbstbestimmung“ übertreiben.

Ich werde nicht bestreiten, dass ein kleines Kind die Mutter (oder eine andere ihm liebevoll zugewandte Bezugsperson) braucht. Aber auf lange Sicht braucht es ebenso den Vater – und den nicht nur als Finanzier einer engen Mutterbeziehung. Und auf lange Sicht braucht es andere Kinder und die Lösung von der Mutter – und nach meiner Erfahrung schadet es dann weder dem Kind noch der Mutter, wenn sie außer dem Gör noch was im Kopf hat, wenn sie im Kind nicht ihre einzige Möglichkeit zur „Erfüllung“ sieht und wenn sie wieder in den Job geht. Sonst kommt nämlich am Ende eine der Frauen raus, die mir (als kinderlose) Frau unglaublich auf den Senkel gehen: Die, die meinen, dass Mutterschaft die große und einzig wahre Bestimmung der Frau ist und dass sie damit, drei oder vier Kinder geboren zu haben, schon eine ganz großartige Lebensleistung vollbracht hat. Ne, tut mir leid – das kann’s nicht gewesen sein. Und wer Männer dazu degradieren will, das Geld abzuliefern, um das Mutterglück zu finanzieren, sich aber ansonsten rauszuhalten, muss sich nicht wundern, dass es immer mehr Männer gibt, die dazu keine Lust haben.

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2 Kommentare leave one →
  1. toxicblood permalink
    17. Mai 2012 17:39

    Danke….
    mit deinem Text triffst du, glaube zumindest ich, voll ins Schwarze.

  2. Vera Binder permalink
    11. Juni 2012 18:47

    Liebe Bylle, wie Du weißt, bin ich im Grunde durchaus Deiner Meinung. Aber in letzter Zeit beschleicht mich zunehmend das einigermaßen mulmige Gefühl, dass die Unternehmen das als wunderbar kommode Möglichkeit entdeckt haben, auch Männern Niedriglöhne zu zahlen („Heute sind die Frauen doch so schön emanzipiert, da muss ich ja keinen Lohn mehr zahlen, der reicht, um eine Familie zu ernähren!“) und ein Überangebot an Fachkräften zu erhalten, das es erlaubt, die Löhne überhaupt hübsch niedrig zu halten. Wie habe ich vor Zeiten über die Bemerkung eines CSU-Politikers geschimpft, der die Frage stellte, ob es denn so viel sinnvoller sei, hinter der Schleckerkasse zu sitzen, als den Kindern ein harmonisches Familienleben zu bieten! Ja, darüber schimpfe ich insofern auch nach wie vor, als es keinem männlichen CSU-Politiker zusteht zu entscheiden, was frau als sinnvoll zu empfinden hat. Aber was, wenn frau es NICHT als sinnvoll empfindet, sondern als durch und durch ätzend, sich aber aus finanziellen Gründen gezwungen sieht, permanent herumzueiern? DAS kann’s auch wieder nicht gewesen sein. Wir haben in dieser Debatte immer die berühmte Taunus-Mami der upper middle class im Kopf, die vor lauter Förderung ihres Einzelkinds (das auf dem besten Wege ist, sich zu einem verzogenen Blag zu entwickeln) nicht weiß, wo ihr selbiger Kopf steht, und denken, diesem Kind würde es gewiss nicht schaden, sich mit ein paar Artgenossen auseinanderzusetzen, und ihr nicht, sich auch mal in die Niederungen des Berufslebens zu begeben. Wohl wahr. Vielleicht sollten wir aber mal an die berühmte Schleckerfrau denken, die sich nur allzu gerne mal eine Weile ausschließlich ihrem Nachwuchs widmen würde, sich aber das nicht leisten kann, sowohl finanziell als auch deswegen, weil sie das aus dem Berufsleben womöglich dauerhaft herauskatapultieren würde. Aber an die denkt man gemeinhin nicht, weil man unausgesprochen oft der Meinung sind, eine solche Frau habe ihrem Kind ja wohl kaum etwas zu bieten. Und das finde ich, mit Verlaub, arrogant. (Außer dass man nicht die Schleckerfrau vorschiebt, sondern die Migrantenmama.) Jedenfalls lese ich in der ganzen Betreuungsgelddebatte erschreckend oft den Subtext, dass man Nichtakademikern die Kinder am allerbesten ganz wegnehmen sollte.

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