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No multitasking for me

16. August 2012

Ich sollte mich schämen. Wochenlang kein Eintrag im Blog. So kann das ja nichts werden. Aber andererseits ist es nicht so, dass ich nicht geschrieben hätte. Ganz im Gegenteil: Ich habe gestern mal wieder das Wörtchen „Ende“ getippt – das letzte von ungefähr 125.000 Worten, die zusammen meinen vierten Roman in diesem Jahr ausmachen. Und wie immer, wenn ich einen Roman im Kopf habe, ist da mal wieder ganz wenig Platz für anderes geblieben. Ich habe das „nötigste“ getan – und ich muss mich wohl selbst noch davon überzeugen, dass der Blog eigentlich auch zum „nötigsten“ gehört.

 

Andererseits genieße ich die „Ausschließlichkeit“ beim Schreiben von Romanen. Ich mag es, morgens an den Schreibtisch zu gehen und zu wissen, dass ich heute nichts anderes tun muss als mich mit den selbst erschaffenen Figuren auseinander zu setzen, die Geschichte weiter zu treiben, die Szenen nieder zu schreiben, die ich schon tagelang im Kopf bewegt habe. Die anderen Arbeiten, die ja meist auf einem Termin liegen und getan werden müssen, erscheinen mir dann manchmal wie „Stolpersteine“. Und je mehr Geschichten ich schreibe, desto mehr fallen mir ein, desto mehr habe ich das Gefühl, dass das Erzählen von Geschichten das  „eigentliche“ für mich ist. Davon leben zu können! Nichts anderes mehr tun zu müssen – das wäre es für mich. Aber wer kann heute schon als Autor überleben? Ein paar Auserkorene haben Glück und landen Bestseller. Ich gönne es ihnen, aber je länger ich in der Branche unterwegs bin, desto überzeugter bin ich davon, dass Verkaufszahlen nichts mit dem „Können“ des Autors zu tun haben, sondern tatsächlich etwas mit Glück – dem Glück, einen Verlag zu finden, der wirklich etwas für seine Autoren tut (ist mir bisher noch nie gelungen), dem Glück, gerade einen Trend erwischt zu haben, der läuft. Ansonsten versinkt so mancher großartige Roman in der Versenkung, weil der Autor eben kein Glück gehabt; dafür wird so manches hochgejubelt, das von „großartig“ sehr weit weg ist.

 

Allerdings habe ich manchmal das Gefühl, dass ich für die Bestseller-Produktion zu spießig bin. „Feuchtgebiete“ wollte ich noch nicht mal lesen (ich habe mich trotzdem durch einige Seiten hindurch gequält – man sollte ja wenigstens wissen, wovon die Rede ist) – schreiben wollte ich so etwas noch viel weniger. So sorry, aber für mich gibt’s einen guten Grund, den A…. (und die umliegenden Gebiete) in der Hose zu lassen. Ich glaube zwar nicht, dass gute Literatur „erbauen“ sollte und ich habe schon lange begriffen, dass Kunst nicht „schön“ sein muss, um Kunst zu sein, aber warum man Schamhaare en detail beschreiben muss, entzieht sich mir und aus dem Alter für Doktorspielchen bin ich auch schon sehr lange raus. Dazu kommt im speziellen Fall, dass mich die „Feuchtgebiete“ schon nach der 10. Seite gelangweilt haben – und was das angeht, bin ich ausnahmsweise mal mit Marcel Reich-Ranicki einig: Kein Autor hat das Recht, mich zu langweilen (das Problem mit Reich-Ranicki und mir ist nur, dass wir sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem haben, was nicht langweilt).

 

Dieses Jahr nun haben wir’s mit der Unterwerfung. „Shades of Grey“ ist der Renner und jeder, der „in“ sein will (habe ich schon lange aufgegeben), hat’s gelesen. Das neue Partythema sind Fesselspielchen und Auspeitschen und da springt nun wohl so manche auf den Submissions-Zug, die früher meinte, artistische Verrenkungen im Schlafzimmer würden eine gute Geliebte ausmachen. Ich dagegen fühle mich wie der Prinz Orlofski in der „Fledermaus“. Ich finde den ganzen S/M Kram schon lange laaaaaangweilig. Mir fällt darauf nämlich immer jener Herr ein, der mir vor Urzeiten mal beim Usertreffen eines Mailbox-Netzes dadurch auffiel, dass er in seinem Strickjäckchen mit Zopfmuster und dem Gabardine-Stehhöschen (Stehhöschen, weil es so kurz war,  dass er immer, wenn er sich setzte, mindestens drei Zentimeter weiße Stachelbeerwade über rostbraunen Nylonsocken zeigte) aussah wie das übelste Klischee eines Spießers. Am späteren Abend offenbarte er dann aber, dass er Vorsitzender eines Flagellanten-Vereins ist – und erklärte dann sehr ausführlich und ernsthaft, wieso der Verein zwar „e.V.“ war (wie es sich in Deutschland gehört), aber nicht gemeinnützig (da müsste man nämlich die Mitgliederliste veröffentlichen, was man aber um der Diskretion willen nicht wollte). Immerhin habe ich der Bekanntschaft aber zu verdanken, dass er mir eines Tages per Mail die Einladung zum Jahresausflug seines Vereins zukommen ließ. Beim Lesen derselben ist mir dann allerdings die Kinnlade auf den Schreibtisch gedotzt, denn die Vorstellung, dass man sich nach dem gemeinsamen Besuch im Sexshop dann im Amsterdamer Hotel zu „Kaffee und Kuchen“ treffe, hat bei mir die wildesten Phantasien hervorgerufen. Ich stellte mir vor, wie die weiblichen Angehörigen des Flagellanten-Vereins die Tupperdosen (gibt’s eigentlich auch schwarze für solche Anlässe?) mit dem Kuchen anschleppen, während die männlichen Mitglieder sich gegenseitig die Peitschen zeigen, die sie kurz davor im Sex-Shop erstanden haben und sich wahrscheinlich dabei über das beste Lederpflegemittel (als Reiterin rate ich übrigens von Lederöl ab. Das weicht so auf!) unterhalten. Und in dem Zusammenhang ist dann auch sofort wieder jene Internet-Userin präsent, die auf einem bekannten Verbraucher-Portal ihre S/M-Neigungen offenbarte und es schaffte, die mit Hausfrauentipps kombinierte. So habe ich zum Beispiel gelernt, dass  man bei Anschaffung von Bettfesseln darauf achten sollte, dass die nicht in die Matratze einschneiden und dass man Lacklederlaken nach Gebrauch mit Spüli reinigt.

 

Manchmal überlege ich mir, ob ich nicht auch mal einen echten Tabubruch schreiben sollte. Ich könnte mich zum Beispiel darüber auslassen, wie befreiend und orgiastisch ich das Gefühl finde, endlich einen Popel in der Nase loszuwerden. Das in minutiösen Details und epischer Breite auf 250 Seiten ausgewalzt – damit komme ich dann zwar nicht auf die Bestsellerliste, aber vielleicht in den literarischen Olymp? Das Problem wäre nur, dass ich mich da wahrscheinlich beim Schreiben langweilen würde.

 

Ich glaube, ich schreibe doch lieber noch einen Krimi. Aber ich verspreche, dass ich dazwischen auch hin und wieder mal ans Blog denke!

 

 

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2 Kommentare leave one →
  1. stiller Leser permalink
    29. Dezember 2012 17:14

    OT:
    Hallo Sy! Dein Typ wird verlangt
    http://antiveganforum.com/forum/viewtopic.php?f=18&t=6942&start=25#p164773

    Gruesse

  2. Marianne permalink
    29. Dezember 2012 19:51

    Liebe MoppelMax,

    hm, meiner Meinung ist es mal wieder Zeit für „hin und wieder“;o)

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