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Wie Moppelmaxe plant, reich und berühmt zu werden oder: Wir basteln uns einen Bestseller

6. Mai 2012

Eine leicht esoterisch angehauchte Freundin hat mir die Tage gesagt, dass 2012 das „Jahr der Entscheidungen“ sei. Ob sie das aus den Sternen oder Karten oder dem Kaffeesatz gelesen hat, weiß ich nicht, aber ich habe beschlossen, dass 2012 das Jahr meiner Entscheidung ist – und ich habe entschieden, reich und berühmt zu werden.

 

Nun ist es ja leider so, dass ich nicht singen kann. Ich weiß, ich weiß: Das hält viele Leute nicht davon ab, dennoch eine Karriere als Gesangsstar anzustreben und sich bei Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ zum Affen zu machen. Aber dafür bin ich zu alt. Als Supermodel bei Heidi Klum kann ich auch nicht reüssieren und einer Karriere in Hollywood stehen nicht nur meine absolute Talentfreiheit im Weg (obwohl … Hugh Grant ist auch talentfrei und hat’s trotzdem geschafft), sondern auch meine Abneigung gegen Scheinwerferlicht. Fernsehköchin kann ich auch nicht werden – oder kennen Sie eine, die bei ihrer Kochsendung in einem gemütlichen Sessel sitzt und dabei in aller Gemütsruhe Gemüse schnippelt (wenn ich es nicht in aller Ruhe mache, schneide ich mir bestimmt in die Finger)? Bliebe noch Gesundheitsguru. Aber dann müsste ich, um originell zu sein, bestimmt öffentlich irgendwelche Dinge essen, die ich nicht so toll finde (oder glauben Sie, ich könnte die Welt davon überzeugen, dass Nougat und Marzipankuchen schön und gesund machen?).

 

Es bleibt mir also nur, mich in dem Feld auszutoben, in dem ich wenigstens ein gewisses Talent habe. Ich muss einen Bestseller schreiben.

 

Dazu habe ich natürlich erst mal die Bestseller Listen analysiert und festgestellt, dass es offenkundig drei Möglichkeiten gibt:

 

1. Tabubruch à la Charlotte Roche. Nachdem sie aber die „Feuchtgebiete“ und die „Schoßgebete“ schon erledigt hat, müsste ich vermutlich 240 Seiten über die Freuden einer geregelten Verdauung von mir geben. Oder – nachdem die Vagina-Monologe schon sehr gut gelaufen sind – die Bekenntnisse einer linken Brust (ja, ich war geneigt, an dieser Stelle ein anderes Wort zu verwenden, aber ich möchte den Suchmaschinen kein Futter geben)? Aber dafür wäre Pamela Anderson vielleicht besser qualifiziert als ich. Und ein Tabubruch wäre das auch nicht.
Hmmm … sollte ich es vielleicht mit dem absoluten Schocker versuchen? „Bekenntnisse einer Asexuellen“? Wäre zwar gelogen, aber wen stört das? Ich könnte auf 140 Seiten behaupten, dass Sex sowieso überschätzt wird, dass männliche Geschlechtsorgane Nacktmullen ähneln (das würde zumindest einige Männer schocken) und dass man ohne Sex besser lebt.
Aber wenn ich so drüber nachdenke, habe ich eigentlich nicht so wirklich Lust auf Lustlosigkeit. Kommen wir also zur zweiten Option:

 

 

2. Vampire. Wenn man die Bestseller-Listen anguckt, könnte man fast meinen, jeder sollte einen haben. Oder zumindest über einen schreiben. Er muss natürlich irre schön sein, der Vampir. Und edelmütig darunter leiden, dass er ein Vampir ist. Oder könnte ich einen fabrizieren, der so richtig Spaß daran hat?
Nein, ich hab’s: Ich produziere „Isadora, die Herrin der Vampire“. Isadora ist die Obervampirin – schneewittchenschön, zum Fliegen fähig und mit dem edelsten aller Särge in einer schicken Gruft ausgestattet. Ihr Problem ist nur, dass sie sich in einen Sterblichen verliebt und dass sie dann über sieben Bände rumkaspert, bis ihr endlich die naheliegende Lösung kommt: Beißen und gut ist’s. Dazwischen muss Isadora, die natürlich sämtliche Kampftechniken, die je ersonnen wurden, bestens beherrscht, noch diverse Kämpfe mit bösen Worgs, die die Menschheit vernichten wollen, bestehen und sich gegen die Intrigen eines Mitvampirs, der ihr an die Wäsche und an den Thron will, wehren. Und in der Verfilmung wird der Mitvampir von Alan Rickman gespielt und der Sterbliche von Robert Pattinson – damit ist sicher, dass Tausende von Frauen mindestens dreimal ins Kino rennen.
Blöd ist nur, dass ich Fantasy immer ziemlich langweilig fand. Ich habe nie verstanden, warum ich mich für die Probleme irgendwelcher Hobbits interessieren sollte und habe den „Herrn der Ringe“ dereinst im Überflug gelesen und die Filme mit dem Finger auf der Schnell-Vorlauf-Taste gesehen. Immer, wenn die Hobbits und ihre Gefährten auf ihrer Wanderung mal wieder von irgendwelchen Fieslingen angegriffen wurden, habe ich vorgespult – ich wusste ja, dass die bis zum Ende gebraucht werden, ergo bei den diversen Kämpfen nicht wirklich was abkriegen können.
Bleibt also die dritte Option: Was historisches.

 

3. Geschichte – und wie! Das Rezept für einen erfolgreichen historischen Roman ist einfach: Man sucht sich erst einmal einen ausgefallenen Beruf, der garantiert nicht von Frauen ausgeübt wurde. Nachdem Salzsiederin, Päpstin und Zuckerbäckerin schon durch sind, könnte ich zum Beispiel eine Falknerin kreiern. Oder wie wär’s mit einer Schmiedin (die weiß dann, wo der Hammer hängt)? Auf die Zunftordnung, die damals Frauen in solchen Berufen verboten hat, ist gepfiffen. Seit wann lässt man sich denn bei einem historischen Roman von historischen Fakten ausbremsen?

Wenn ich so drüber nachdenke: Ich könnte eine Kreuzritterin schreiben – mit schimmernder Rüstung (wetten, dass ein Kettenhemd auch eine D-Brust flachquetscht? Also hätte ich kein Problem damit, meiner Heldin eine Topfigur anzudichten, ohne dass sie darin in ihrer Hosenrolle behindert wird) und unglaublich intelligentem Pferd. Die Dame, die selbstverständlich aus kleinen Verhältnissen stammt, hat schon als Kind immer glänzende Augen bekommen, wenn die Templer auf ihren Pferden mit wehenden Mänteln am Acker, auf dem sie Kartoffeln aufsammeln musste (was? Kartoffeln gab’s im Mittelalter noch gar nicht? Okay, okay, dann zupft sie halt Unkraut zwischen Getreide), vorbei geklappert sind. Darum hat sie dann 14jährig beschlossen, sich die Haare abzuschneiden, die sprießenden Brüste flach zu wickeln und sich als Knappe bei einem von ihr angeschwärmten Ritter zu melden.
Natürlich ist unsere Heldin superbegabt mit Schwert und Pferd und so steigt sie innerhalb von kürzester Zeit zur Ritterin auf – und durchleidet auf dem Weg seelische Qualen, weil sie in ihren Ritter verknallt ist. Der wiederum schwitzt auch fast die Rüstung rostig, weil er in seinen Knappen verknallt ist (seine allfällige Verwirrung kann man ja bei Shakespeare abschreiben – der Orsino in „Was Ihr wollt“ fühlt sich ja auch reichlich davon irritiert, dass er erst in Olivia verknallt ist, dann aber seinen Pagen, in dem die verkleidete Viola steckt, sehr schnuckelig findet).
Auf dem Weg ins Heilige Land – echte Kreuzritter müssen natürlich kreuzzugen – offenbart sich unsere Heldin ihrem Helden. Das erlaubt mir, eine heiße Liebesszene (der Professor, den ich nebenbei über meinen Plot informiere, grinst mich gerade über den Schreibtisch an und meint, der leidenschaftlich-heißen Liebesnacht stehe in dem Fall aber entgegen, dass es damals noch keine elektrisch betriebenen Dosenöffner gegeben habe. Ergo hätte es bei Ritters immer leidenschaftstötend lang gebraucht, bis sie aus der schimmernden Wehr heraus gekrabbelt seien. Aber das sind wieder historische Fakten, denen ich keineswegs erlauben werde, meiner Geschichte im Weg zu stehen) zu schreiben – vielleicht im Anschluss an eine Schlacht, aus der der Herr Ritter die Heldin rettet, in dem er sie auf sein Pferd zieht? Und dann galoppieren sie in den Sonnenaufgang und dabei tun sie’s und es ist natürlich unglaublich gut.
Anschließend wird das Paar aber durch irgendwelche widrigen Umstände, die ich mir noch ausdenken muss, getrennt. Die schwangere Heldin (merke: Im Roman klappt’s immer gleich beim ersten Mal) verbringt dann die nächsten 300 Seiten damit, vergeblich ihren Liebsten zu suchen und ihr Kind zu kriegen (selbstverständlich eine Tochter – die Zielgruppe sind ja Frauen). Am Ende des Buches gerät sie, nun wieder – Tarnung ist alles – in Frauenkleidung unterwegs bei einem Sultan in Gefangenschaft. Der ist unglaublich gutaussehend, gütig, kultiviert und in die Heldin verliebt. Doch sie kann ihren Ritter nicht vergessen und so endet der erste Band damit, dass sie ihr Blag unter den Arm klemmt, dem Harem entkommt und wieder auf die Suche nach ihrem Liebsten geht.
Im zweiten Band – der bekommt einen so schönen Titel wie „Der Irrweg der Kreuzritterin“ – sitzt unsere Heldin der Fehlinformation auf, dass ihr Liebster dahin gemetzelt wurde. Außerdem wird sie von den Häschern des Sultans wieder eingefangen und in den Harem zurück gebracht, wo sie dann seinem Werben nachgibt und seine Geliebte wird. Sie bekommt noch ein Kind – den Lieblingssohn und künftigen Erben des Sultans. Doch dann kommt der Sultan irgendwie um, unsere Heldin wird Regentin (pfeif darauf, dass das im Orient damals bestimmt nicht möglich gewesen wäre. Leser, die an eine Päpstin glauben, kaufen mir auch eine Sultanin ab) – und als solche steht sie auf dem Schlachtfeld den Kreuzrittern gegenüber und muss feststellen, dass ihr Ritter, nachdem er in einer Schlacht eine auf den Deckel gekriegt und den totalen Gedächtnisverlust erlitten hat, inzwischen zum Großmeister der Ritter und zu ihrem erbittertsten Feind geworden ist. Damit endet der zweite Band.
Der dritte heißt dann „Die Kreuzritterin – der lange Ritt zurück“ (oder so) und darin ömelt unsere Sultan auf der Suche nach einer Möglichkeit, dem Großmeister sein Gedächtnis zurück zu geben (damit er endlich Alimente für das Blag zahlt … oder so), 400 Seiten lang durch die Gegend. Am Ende kehrt sie in ihre alte Heimat zurück und da endet der dritte Band.
Im vierten hat sie eine Burg in der alten Heimat gebaut, wird von einem Minnesänger angebetet und vom fiesen Abt des Nachbarklosters verfolgt – der will nämlich das Blag vom Großmeister, inzwischen 14 Jahre alt und schön wie nichts (kann ja bei den Eltern nicht anders sein), flach legen. Am Ende galoppiert der Großmeister zur Rettung seiner bedrohten Familie heran, obwohl er gar nicht weiß, dass es seine Familie ist. Er kriegt noch mal eine auf den Deckel, worauf er sich – in einer herzzerreißenden, tränentreibenden Szene – sterbend an die einzig Geliebte erinnert.
Damit sind wir dann im fünften Band: „Die Rache der Kreuzritterin“. Madame macht den bösen Abt alle, verlässt ihre Burg, reitet mit dem Blag wieder ins Heilige Land, besucht Sultan-Söhnchen und vollendet ihr Lebenswerk, in dem sie mal kurz die Ritter und die Araber aussöhnt (was, wie, die Geschichte gibt das nicht her? Waren wir uns nicht darüber einig, dass wir geschichtliche Fakten ignorieren?). Dabei geht sie leider, leider drauf. Macht aber für den Fortgang der Serie nicht viel, denn
nun ist der sechste Band dran: „Die Tochter der Kreuzritterin“. Was die erlebt, weiß ich noch nicht, aber eines ist schon mal klar: Bis der Band zu schreiben ist, bin ich reich und berühmt, muss nur noch einmal im Jahr 400 Seiten basteln und habe bis zum Lebensende (der letzte Band: „Der Urenkel der Kreuzritterin“ bleibt dann unvollendet) ausgesorgt.

Klasse, oder?

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Die Lieblingsrezepte der funny family: Rindsrouladen

2. Mai 2012

Molekularköche aller Länder: Beißt mich, schlagt mich, kratzt mich, gebt mir Tiernamen, aber bitte akzeptiert, dass ich kein Fenchelschäumchen an Mousse aus Himalaya-Karnickel mit schockgefrorener, lilablaßblauer Reisessenz essen will. Ich stehe auf Hausmannskost – und war schon immer der Meinung, dass ein richtig guter Koch auch das können sollte. Und bitt’schön, wenn Ihr (ja, ich gucke Sie an, Herr Schuhbeck!) dann schon deutsche Hausmannskost fabriziert: Zitronengras, Ingwer und Kokosmilch sind klasse, haben aber für mich beim deutschen Schweinebraten nichts verloren. Und in die Rindsrouladen gehören sie auch nicht!

Und damit wäre ich beim Thema (ich hatte mal einen Chefredakteur, der behauptete, ich könnte keine Einleitungen schreiben. Pfff!): Rindsrouladen. Die gab’s nämlich heute bei uns (und die Reste gibt’s dann, wenn ich mal wieder keine Zeit zum Kochen habe. Die sind jetzt nämlich im Gefrierschrank).

Also, das wichtigste bei Rindsrouladen ist mal wieder das Fleisch. Wer es vermeiden will, gerollte Schuhsohle mit Gürkchen-Einlage zu fabrizieren, sollte daher beim Metzger seines Vertrauens möglichst Biorind kaufen. Und wenn das liebe Tierchen so wie das, von dem unsere Rouladen heute stammten, dann noch aus einer alten Rasse wie zum Beispiel den Hohenloher Fleischrindern oder Charolais (warum fällt mir jetzt jene wackere schwäbische Bäuerin ein, die gar nicht fassen konnte, dass der Nachbar jetzt „Chevrolets“ züchtet?) kommen, wird’s besonders gut. Nur leider auch ein bisschen teuer – aber man sollte sowieso nicht jeden Tag Fleisch essen und so kann man’s ja am Tag danach mit Pasta oder einem schönen Gemüseauflauf wieder einsparen.

Übrigens gibt’s bei uns zur Rindsroulade entweder internationale Spätzle (das Rezept ist von meiner Frau Mama, die eine echte Schwäbin war. Geschabt wird aber im Hause Moppelmax vom Professor – ergo sind’s internationale Spätzle) oder Knödel, wobei ich besonders Serviettenknödel (das Rezept liefere ich, sobald ich es wieder finde) mag.

 

Rindsrouladen

(für vier Personen)

 

4 Rindsrouladen

4 Scheiben grüner Speck oder Schwarzwälder Schinken oder sonst irgendein Rauchfleisch (wer das verwendet, sollte allerdings am Salz sparen)

1 große Gewürzgurke

2-3 EL mittelscharfer Senf

1 große Zwiebel

1 große Karotte

2 Knoblauchzehen

¼ Sellerieknolle

1 kleiner Lauch

glatte Petersilie (es geht natürlich auch gekrauste, aber die glatte hat mehr Geschmack)

2 – 3 Rosmarinzweige (wenn man hat. Wenn nicht, geht’s natürlich auch ohne)

Salz, Pfeffer aus der Mühle, Rosmarin gemahlen

½ Becher Creme Fraiche

200 ml Rotwein

Butterschmalz zum Anbraten

Etwas Stärkemehl zum Binden der Sauce

 

Backofen auf 120° C vorheizen.

Zwiebel schälen, Karotte schaben, zusammen mit dem Lauch, der Sellerieknolle und der Petersilie in Stücke schneiden (dabei muss man übrigens keine Kunstwerke in Sachen „kleinschneiden“ vollbringen). Knoblauchzehen schälen, zerdrücken, Rosmarin abzupfen. Den ganzen Segen bei Seite stellen.

Gewürzgurke in vier Längsstreifen schneiden. Jetzt werden die Rindsrouladen auf der Innenseite gesalzen und gepfeffert, anschließend werden sie mit Senf bestrichen. Je ein Viertel Gurke drauf und einrollen. Zum Befestigen verwende ich meist Rouladennadeln, man kann natürlich aber auch einen ungefärbten Baumwollzwirn einsetzen. Das macht dann nachher das Anbraten leichter.

Rouladen innen pfeffern, salzen und mit etwas gemahlenem Rosmarin bestreuen.

Fett in der Pfanne heiß werden lassen, die Rouladen kurz von allen Seiten scharf anbraten. Rouladen aus der Pfanne, Gemüse rein, kurz anrösten lassen, dann mit dem Wein ablöschen.

Jetzt kommen die Rouladen wieder in die Pfanne und die kommt bei 120° C in den vorgeheizten Ofen. Je nach Größe der Rouladen dürfen sie dann zwischen 90 und 120 Minuten schmorren, wobei man dabei öfter mal schauen sollte. Wenn der Wein eingekocht ist, einfach wieder etwas Wasser aufgießen.

Wenn die Rouladen gar sind, kommt die Pfanne aus dem Ofen. Die Rouladen werden herausgenommen, das Gemüse durch ein Sieb abgeseit. Der Bratensaft schließlich wird – wenn man es mag – mit etwas Stärke gebunden. Zum Schluss kommt Creme Fraiche dazu – schön löffelchenweise einrühren. Rouladen wieder rein und servieren.

Guten Appetit!

Die Lieblingsrezepte der funny family: Tartar

30. April 2012

Ja, wir sind bekennende Fleischesser. Und schlimmer noch: Wir mögen’s (zumindest manchmal) roh. Beim Professor muss das Roastbeef bluten und wenn er auf einer Speisekarte Carpaccio entdeckt, leuchten seine Augen. Bei mir ist es eher Tartar – und dabei überkommen mich immer Kindheitserinnerungen: Wenn meine Mutter meinem Vater etwas richtig Gutes tun wollen, kaufte sie 150 g frisches Rinderhack und verarbeitete es zu Tartar. Das gab’s dann auf Toast – und er war selig. Ich dagegen stand mit großen Kulleraugen daneben und wünschte mir, endlich erwachsen zu werden, damit ich auch so was Gutes essen kann. Mutter hatte nämlich – völlig zu Recht, da rohes Fleisch für Kinder nicht empfehlenswert ist – Tartar als „nur für Erwachsene“ deklariert.

Das Wichtigste am Tartar ist natürlich das Fleisch – und da schlackere ich immer mit den Ohren, wenn ich in irgendwelchen Rezepten etwas von „Rinderfilet“ lese. Nein, bitte nicht! Mein Metzger – und der Mann versteht was von seinem Handwerk – hat mir einmal erklärt, dass Rinderfilet gar nicht gehe. Rinderfilet lasse man nämlich, damit es zart wird, abhängen. Beim Tartar, das ja fein durchgedreht wird, ist das „zart“ kein Thema. Dafür aber würde ein abgehangenes Stück beim Durchdrehen schwarz – ergo: Tartar wird aus frischem Rindfleisch gemacht. Und das sollte man wirklich beim Metzger des Vertrauens am Stück kaufen, angucken, dann durchdrehen lassen und bitte auf jeden Fall noch am selben Tag verarbeiten. Wenn man aus irgendeinem Grund nicht dazu kommen sollte, geht es nicht mehr. Dann muss man das Gehackte am nächsten Tag anbraten.

Außerdem empfiehlt es sich, für das Tartar das Fleisch eines wirklich gut aufgezogenen Rindes zu verwenden. Wir hatten Fleisch vom Hohenloher Rind – und danach wussten wir mal wieder, warum selbst in Paris „Boeuf Hohenlohe“ als Spezialität gilt.

Damit jetzt aber endgültig zum Rezept:

 

Für zwei Personen:

300 – 400 g durchgedrehtes Rindfleisch

1 frisches Ei

3,4 Schalotten oder frische Frühlingszwiebel

Frischen Schnittlauch

Frischen Rosmarin (kann auch durch gemahlenen ersetzt werden)

2 EL Kapern

2 EL Sardellen

3 EL Traubenkernöl

Salz, Pfeffer aus der Mühle

1 Schuss Worcestershiresauce

1 Schuss Kognak

Die Schalotten, der Schnittlauch, der Rosmarin, die Kapern und Sardellen werden sehr fein geschnitten und dann zusammen mit dem Ei, dem Salz, dem Pfeffer, der Worcestershire-Sauce und dem Kognak gründlich mit dem Fleisch vermischt. Dazu reicht man warme Toastscheiben.

Wer’s schärfer mag, darf gerne mit etwas Tabasco-Sauce oder – das ist dann für die ganz scharfen – etwas Chili nachhelfen.

Und in der Schweiz habe ich am Wochenende eine Variante gegessen, die ich auch sehr interessant fand: Tartar mediterran. Da waren offenkundig zwei Löffel Tomatenmark und dazu gehackte, grüne Oliven mitverarbeitet worden. Hat auch sehr gut geschmeckt.

 

Fibromyalgie

26. April 2012

Das Kind hat einen Namen: Fibromyalgie.

 

Letztes Jahr um diese Zeit knabberte ich an den Auswirkungen meiner perniziösen Anämie und war überzeugt: Es war mir noch nie so mies gegangen. Da wusste ich noch nicht, was diesen Winter auf mich zu kommen würde.

 

Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie weit das, was ich immer „Rheuma“ genannt habe, zurück reicht. Ich weiß auf jeden Fall, dass ich 1985 schon daran gewöhnt war, dass hin und wieder ein Gelenk heiß wurde, angeschwollen ist, 24 Stunden richtig fies weh tat und sich dann wieder beruhigte. Ich diagnostizierte das selbst als „Rheuma“ (wohl wissend, dass Rheuma ganz verschiedene Formen annimmt, daher dachte ich „Passt schon!“) und buchte es unter „Kann man eh nix machen, muss man eben damit leben!“

 

Auf die Idee, damit zum Arzt zu gehen, wäre ich nicht gekommen. Zum einen gehe ich sowieso nicht so schrecklich gerne zum Arzt, zum anderen bin ich so erzogen, dass man dem Doktor „nicht wegen jedem Wehwehchen die Zeit stiehlt“ – und ja, hier höre ich meine Mutter, die da wohl Kern des Problems ist.

 

Ich habe sie sehr geliebt, sie fehlt mir unendlich und ich wäre die letzte, die sie „schlecht machen“ wollte. Doch in den letzten Tagen ist mir sehr bewusst geworden, dass ihre Prägung auf mich ziemlich verheerend gewirkt hat. Dabei konnte sie wahrscheinlich nichts dafür. Sie war die älteste von acht Geschwistern, in schweren Zeiten geboren und von einer Mutter, die sich schwer damit tat, Gefühle zu zeigen, wohl schon sehr früh sehr überfordert. Meine Mutter musste schon in früher Kindheit Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister übernehmen und im Haushalt helfen – und ich bin sicher, dass ihr Standardsatz „Stell dich nicht so an!“, den ich so zu hassen gelernt habe, einer war, den sie selbst sehr oft zu hören bekommen hat.

 

Meine Mutter musste ihr Leben lang „funktionieren“ und auf ihr Befinden hat dabei niemand je Rücksicht genommen. dazu hat sie wohl sehr früh schon gelernt, ihren Körper nicht zu mögen. Als junges Mädchen war sie schon etwas pummelig und dazu mit fünf sehr hübschen, schlanken, jüngeren Schwestern geschlagen, die ihr schon 14jährig einredeten, dass sie, die ja obendrauf schüchtern und immer weit über ihr Alter hinaus ernst war, nie einen Mann abbekommen würde.

 

19jährig heiratete sie dann meinen 17 Jahre älteren Vater – und war ein Leben lang überzeugt, dass er sie „trotz“ ihres Übergewichts genommen hatte und dass sie ihm ob dieser „Großzügigkeit“ dankbar und eine besonders liebevolle, treusorgende Ehefrau sein müsste. Mein Vater, der Meistermanipulator, hatte auch kein Interesse daran, dass irgendwie aufzuheben – ganz im Gegenteil. Ich erinnere mich aus jungen Jahren, dass er immer mal wieder seine schönen Schwägerinnen lobte und auch mal darauf herumritt, was die alle für „tolle Figuren“ hatten.

 

Dazu sagte eine kluge Freundin die Tage zu mir: „Eine Familie verträgt nur einen Kranken.“ In unserer Familie war klar, wer das ist: Mein Vater. Er zelebrierte jede Erkrankung und wurde von Mutter darin unterstützt. Wenn er flach lag, kochte sie Krankensüppchen, machte Wadenwickel, hielt Händchen und bemitleidete.

 

Wenn mein Bruder oder ich krank waren – vielleicht täuscht mich mein Gedächtnis, aber mir fällt in dem Zusammenhang immer zuerst ein „Stell dich nicht an!“ ein. Natürlich hat Mutter sich gekümmert. Ich erinnere mich durchaus, wie sie mich damals, als ich 14 war, mit den Bauchschmerzen ins Bett steckte und wie sie am Montagmorgen, als es mir nach einem ziemlich miesen Wochenende immer noch nicht besser ging, mit mir zum Arzt fuhr. Und sie hat mich auch ins Krankenhaus eingeliefert und war nach der Blinddarm-Operation da. Sie hat mich jeden Tag im Krankenhaus besucht, sie hat mich mit frischer Wäsche und Büchern und Obst versorgt. Und doch … im Hintergrund war immer das „Stell dich nicht an!“ und das  alles, was ich habe, nicht „so tragisch“ ist.

 

Dazu kam, dass Mutter nach dem Prinzip „Gnadenlos gegen sich selbst und brutal gegen andere“ lebte. Sie fand mich „wehleidig“ und schimpfte darüber, dass ich dauernd am Jammern sei, sie gestattete sich selbst nicht, von irgendwelchen Schmerzen eingeschränkt zu werden und gestand es auch mir nicht zu. Ich sehe noch vor mir, wie sie – obwohl sie immer wieder unter Hexenschuss litt und schließlich sogar unter einer Spinalsthenose – auf Knien ihren Boden putzte oder stundenlang im Garten rumbuddelte. Und wenn ich dann sagte: „Mensch, das ist bestimmt nicht gut für dein Kreuz!“ kam ein ziemlich aggressives „Es muss aber sein!“

 

Dazu war sie immer bereit, jegliche Krankheitserscheinung auf ihr Übergewicht zu schieben. Sie hatte Kreuzschmerzen, weil sie zu dick war – und dass sie zu dick war, lag ja nur daran, dass sie so „undiszipliniert“ war und immer zu viel gegessen hat. Das stimmt zwar überhaupt nicht, aber nicht einmal unser Hausarzt konnte sie von der lebenslangen Überzeugung, dass sie „selbst  schuld“ ist, runterbringen. Ich glaube, es war für sie ganz schlimm, dass ich schließlich auch übergewichtig war – und sie übertrug ihre Scham und ihren Frust darüber auf mich. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in den letzten 15 Jahren je etwas „nettes“ über mein Äußeres von ihr gehört habe, denn sie sah immer nur, dass ich zu dick bin. Und wenn mir irgendetwas weh tat – meine Mutter hat’s mit Sicherheit geschafft, auch meine Erkrankungen mit meinem Übergewicht in Verbindung zu bringen. Bluthochdruck? Klar – ich bin zu dick. Diabetes? Ja, weiß doch jeder, dass das vom Übergewicht kommt (mein Doc sieht’s anders: Er meint, dass die Veranlagung, die mir die Diabetes beschert hat, eben auch für das Übergewicht verantwortlich ist). Gehirnerschütterung nach Sturz vom Pferd? Wenn ich nicht so dick und folglich „unbeweglich“ wäre, wäre ich nicht vom Pferd gefallen, ergo war an der Gehirnerschütterung auch das Übergewicht schuld.

 

Gestern nun die Diagnose „Fibromyalgie“ – und auf der Heimfahrt vom Arzt der Gedanke, dass meine Schwägerin auch schon seit Jahren darunter leidet. Nun ist aber meine Schwägerin eher untergewichtig. Und so dachte ich: „Tja, Mütterchen – in dem Fall könntest nicht mal du sagen: ‚Wenn du nicht so dick wärest …“

 

Die Fibromyalgie wäre vielleicht sogar in ihren Augen eine Krankheit gewesen, die ich nicht selbst „verschuldet“ habe … aber es hätte mich nicht davor gerettet, dass auch sie mit dem „Stell dich nicht so an!“ klassifiziert worden wäre.

 

Wundert es jemanden, dass es mir schwer fällt, krank zu sein und dass ich dazu neige, mich zu überfordern? Diesen Winter war’s extrem. Aus dem „bisschen Rheuma“, mit dem ich jahrzehntelang ohne größere Probleme gelebt habe, wurde plötzlich „ganz viel Rheuma“. Montags ziepte es im Grundgelenk des linken Zeigefingers, Dienstags war es richtig entzündet und tat gemein weh, Mittwochs beruhigte er sich wieder, dafür fing’s dann am Donnerstag im linken Handgelenk los, kochte hoch, beruhigte sich am Samstag wieder, aber dafür kam am Sonntag der rechte Ellbogen und am Mittwoch wieder die linke Hand. Ich hatte kaum einmal einen Tag, an dem gar nichts war – und die Schübe wurden immer schlimmer. Vor ungefähr vier Wochen war dann mal der rechte Oberschenkel dran – und der schmerzte drei Tage lang und es war so schlimm, dass ich zwei Tage lang am Stock ging. Der Höhepunkt war dann das linke Knie vor zwei Wochen. Ich hatte mich zu einem Mittagsschlaf hingelegt – da ziepte es ein bisschen im Knie. Zwei Stunden später wachte ich auf, weil das Knie weh tat. Es war geschwollen und sehr heiß und als ich aufstand, wurde mir beim Auftreten auf das Knie schon fast schlecht. Und dann ging’s rasant – innerhalb der nächsten Stunde war mir vor Schmerz übel und mein Liebster bat den befreundeten Nachbarn, Neonatologe Jo, mal drauf zu gucken. Dem gefiel mein Knie überhaupt nicht und er schickte uns ins Klinikum nach Oxford. Als ich dort aus dem Auto steigen musste, habe ich mir überlegt, ob sich der Inhalt meines Magens besser vom Grünstreifen oder vom Beton neben dem Auto entfernen lässt. Und so wenig ich Spritzen mag – für die 1000 mg Ibuprofen, die der Orthophäde in der Notfallpraxis dann verpasst hat, hätte ich ihn am liebsten geküsst.

 

Bis ungefähr Februar hatte ich die dauernden „Rheuma“-Schübe noch unter „Wird wohl auch wieder vergehen“ verbucht. Dann war ich zum Routinecheck bei meinem Doc. Der schaute auf meine nach einem Schub immer noch leicht geschwollene Hand, wollte wissen, was das sei und fand meine Erklärung „Och, das ist mein altes Rheuma, damit habe ich seit Jahren zu tun – ist nicht so tragisch!“ nicht befriedigend. „Damit müssen Sie zum Rheumatologen.“ Ich hatte überhaupt keine Lust auf noch einen Arzt und vielleicht mal wieder die bei fremden Ärzten übliche „Sie müssen erst mal abspecken“ Nummer.

 

Aber nach der Nummer mit dem Knie habe ich dann einen Rheumatologen angerufen – und für 18. Juni einen Termin bekommen. Früher ging nicht, auch nicht, als ich sagte, dass ich akut richtig bös‘ Probleme habe.

 

Doch vorletzte Woche tat sich dann etwas: Freundin Claudia erzählte mir, dass ihr Rheuma durch Dopaminagonisten getriggert werde. Mir fiel darauf ein, dass man mir letztes Jahr im Krankenhaus zur Behandlung meines Restless Legs Syndrome einen Dopaminagonisten verschrieben hat und dass ich den brav genommen hat. Also habe ich den abgesetzt – und siehe, siehe, ich erlebte zwei schubfreie Tage.

 

Am Wochenende allerdings ging’s wieder los. Claudia war zu Besuch und wir wollten mein neues Auto richtig ausführen: Das Haupt- und Landgestüt Marbach stand auf dem Plan. Doch da war eine Entzündung in meinem linken Arm, die sich innerhalb von Stunden von „nicht angenehm, aber erträglich“ zu „tut wirklich fies weh“ entwickelte. Gleichzeitig entstand auf meinem Arm eine knallheiße Schwellung. Um die Mittagszeit herum konnte ich nicht mehr fahren und gegen drei war ich dann so weit, dass ich bei jeder Bodenwelle, über die Claudia mein in der Tat hart gefedertes Auto fuhr, am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre. Ich hatte das Gefühl, dass die Entzündung in meinem Arm beim nächsten Schlagloch – und auf den Landstraßen auf der Schwäbischen Alb gibt es elend viele davon – explodiert und ich mich in Schmerz auflöse.

 

Am Sonntagmorgen – ich war sehr müde und geschafft nach einer Nacht, in der ich wegen des Arms kaum geschlafen hatte – bekam ich dann das heulende Elend. Der ganze Jammer des letzten halben Jahrs, dauernde Schmerzen, dauernde Einschränkung (ich bin inzwischen sehr gut darin, einhändig Kaffee zu kochen, Flaschen zu öffnen und mich an- und auszuziehen), schlaflose Nächte, dazu inzwischen böse Magenschmerzen (ich hatte immer die Wahl: Werfe ich ein Ibuprofen auf die Entzündung und stelle sie damit ab und handle mir damit Magenschmerzen ein oder stehe ich die Entzündung durch und schone meinen Magen?) – es war zu viel.

 

Claudia, die Kluge, Liebe, tröstete – und überlegte. Sie ist Wildtierärztin, sie ist daran gewöhnt, ihre Patienten beobachten zu müssen und sich etwas zu denken. Und sie hat auch mich einige Zeit beobachtet und fand: „Irgendwie kommt mir das komisch vor. Es kann doch fast nicht sein, dass du unabhängig voneinander fünf, sechs chronische Krankheiten hast. Ich glaube, da steckt was systemisches dahinter – eine Grunderkrankung, die den größten Teil der Beschwerden verursacht.“

 

Wir überlegten und kamen von den Zoonosen – Brucelliose, Borreliose, Hanta-Virus – bis hin zu irgendwas, was im Blut fehlen könnte. Auf jeden Fall war das Ergebnis der Überlegungen, dass ich am Montagmorgen zum Arzt gehe, Blut nehmen lassen und dass da mal einiges untersucht wird.

 

Montagmorgen, 9:00 h: Die Praxis war voll, der Terminkalender auch, vor mir wurde eine Patientin gebeten, doch am Nachmittag wieder zu kommen. Ich bestand darauf, dass ich den Doc wirklich brauche – jetzt, heute.

 

Er nahm sich dann auch Zeit, ich erzählte ihm von meinem Gespräch mit Claudia, worauf er mir einen Termin beim Rheumatologen gemacht hat. Die Rheumatologen seien normalerweise auch ganz gute Immunologen und vor allem auch darauf eingestellt, auf Zoonosen (Borreliose ist für die ja oft ein Thema) zu untersuchen.

 

Gestern Morgen dann der Rheumatologe und ganz schnell: Fibromyalgie. Freundin Dörthe, die Kinderärztin, hatte das schon vor Wochen mal vermutet. Damit wird die Liste an chronischen Krankheiten, die ich bisher immer so mühsam aufgezählt habe, deutlich kürzer: Reizdarm, Reizmagen, Depression, Rheuma, Restless Legs Syndrome – entfällt in Zukunft alles, weil ja alles in der Fibromyalgie enthalten ist. Bleibt also für die Zukunft Bluthochdruck, Diabetes, Fibromyalgie.

 

Aus der resultiert, dass ich den Stresspegel in meinem Leben reduzieren muss – und der erste Schritt dazu ist die Anerkennung, dass ich eine schwere, chronische Krankheit habe und darum nicht immer „funktionieren“ kann. Ich werde mir in Zukunft nicht nur die Ruhe gönnen, die mein Körper verlangt, sondern hoffentlich auch aufhören, jedes Mal ein schlechtes Gewissen zu haben und zu denken: „Du gammelst wieder nur rum. Lass dich nicht so hängen, stell dich nicht so an, sei nicht so wehleidig.“

 

So – und damit genug gejammert für heute. Aber ich habe gestern gelesen, dass zur Fibromyalgie oft auch eine Psychotherapie gehöre und dass man da „therapeutisches Schreiben“ empfehle. Das habe ich hiermit getan. 😉

Verliebt, verlobt und wertgeschätzt

16. April 2012

Lesen bildet – und so habe ich heute Morgen diesbezüglich schon das meine getan und mich in die Online-Ausgabe der „Bunte“ vertieft. Dort wurde ich nämlich heute über die „fünf Geheimnisse“ von Angelina Jolies Verlobungsring aufgeklärt ( http://www.bunte.de/stars/angelina-jolie-fuenf-geheimnisse-ueber-ihren-verlobungsring_aid_31594.html). Nun muss ich gestehen, dass es mich nicht unbedingt bewegt hat, welcher Nobel-Juwelier den Ring zusammen gebastelt hat, aber dafür habe ich was anderes erfahren: „In Sachen Verlobung gibt es bei Frauen bekanntlich immer nur ein Thema – der Ring.“

Abgesehen von der schrägen Grammatik dieses Satzes: Ich habe ja in meiner Naivität früher immer angenommen, dass für eine Frau der Bräutigam oder vielleicht die Beziehung das wichtigste an der Verlobung sind, aber diesbezüglich wurde ich schon vor einigen Jahren von einer amerikanischen Freundin eines Besseren belehrt.

Bei einem Strandspaziergang zeigte sie mir stolz ihren Verlobungsring – und das war in der Tat ein sehenswerter Klunker: Innen ein nicht eben kleiner Brilli, drum rum ein paar Saphirsplitter, das Ganze in Weißgold gefasst und durchaus hübsch. Doch ich wusste aus früheren Erzählungen jener Freundin, dass sowohl sie wie auch ihr Ehemann bei der Verlobung noch Studenten waren. Er wohnte noch bei seinen Eltern, sie in einem Einzimmer-Appartement. Demgemäß äußerte ich die Vermutung, dass es sich bei dem Klunker um ein Erbstück aus der Familie des Bräutigams handle, worauf mich B. aus großen, fast etwas empörten Kulleraugen anschaute und erklärte, dass dem selbstverständlich nicht so sei. Ihr Herr habe den Ring natürlich bei einem Juwelier speziell für sie gekauft.

Ich schluckte, denn obwohl ich nicht viel von Schmuck verstehe, war mir doch klar, dass  dieser Ring eine Kleinigkeit gekostet hatte. Der Preis wurde mir dann auch ohne Nachfrage geliefert: $ 6000 habe sich der Bräutigam diesen Ring kosten lassen. Natürlich habe der Studiosus damals das Geld nicht bar gehabt, also habe er einen Kredit aufgenommen. Das sei ja so üblich …

An der Stelle fiel B. dann wohl auch, dass mir die Kinnlade sehr weit heruntergeklappt war (ich fürchtete schon, nachher Schleifspuren vom Sand daran zu haben) und sie wollte wissen, was mich denn so irritiere. „Äh, also, wenn ich heiraten und eine gemeinsame Wohnung einrichten wollte, würde ich meinen Bräutigam was husten, wenn er einen Kredit über 6000 Dollar für einen Ring aufnimmt. Ich meine, da wären doch vorher ein paar andere Anschaffungen wichtig gewesen, oder?“

B. sah das absolut nicht so – und klärte mich im Folgenden darüber auf, dass dieser Ring ja ein Beleg für die Wertschätzung sei, die ihr der künftige Ehemann entgegen gebracht habe. Und wie sie denn vor ihrer Familie und ihren Freundinnen da gestanden wäre, wenn er ihr irgendein Billigteil geschenkt habe? Die hätten dann ja alle geglaubt, dass ihr Bräutigam sie nicht schätze!

Ich dachte an der Stelle, dass die gute B. wohl etwas sehr materialistisch eingestellt ist. Doch in den nächsten Jahren lernte ich, dass sie mit der Einstellung unter Amerikanerinnen nicht alleine ist. Wann immer eine Amerikanerin von „Verlobung“ erzählte, war der Ring das große Thema – und mehr noch: Als ein englischer Freund von mir auf die Idee kam, seiner amerikanischen Freundin einen Antrag zu machen und ihr dazu den Ring seiner Großmutter – das einzige Familienerbstück, das er besitzt und das ihm, weil er die Großmutter sehr geliebt hat, sehr wichtig ist – überreichen wollte, wurde er nämlich von ihr darüber aufgeklärt, dass das ja gar nicht gehe. Wie sie denn mit diesem Ring vor ihre Familie beziehungsweise ihre Freundinnen treten sollte? Die würden doch – siehe oben. Und weil die Dame in der fünfjährigen Beziehung mit dem Briten wohl schon gelernt hatte, dass sie ihm manche Dinge ganz deutlich klar machen muss, bekam er dann auch noch erklärt, dass der Verlobungsring als Ausdruck seiner Wertschätzung seinem Einkommen zu entsprechen habe. Sprich: Die Anschaffung muss „weh tun“, denn nur so wird deutlich, dass die Braut dem Bräutigam wirklich etwas wert ist.

Gleichberechtigung spielt da offenkundig keine Rolle, denn ein amerikanischer Bräutigam bekommt bei der Verlobung keinen Ring. Er ist offenkundig dadurch, dass die Dame seinen Ring annimmt, genug belohnt.

Für mich ist das ein klarer Fall von „Andere Länder, andere Sitten“. Oder bin ich vielleicht neidisch? Ich lag dereinst in einem Krankenhausbett, als mir der Professor seinen Antrag gemacht hat. Und da er die letzten Stunden damit verbracht hatte, mein schweißfeuchten Patschhändchen zu halten und sich darum zu ängstigen, wie der Sturz vom Pferd sich wohl auf meinen angedatschten Kopf ausgewirkt hatte, war er nicht dazu gekommen, einen Ring zu kaufen. Als ich dann aus dem Krankenhaus entlassen war, haben wir gemeinsam unsere Eheringe gekauft. Einen Verlobungsring habe ich nie bekommen – und auch nie vermisst, weil ich sowieso keinen Schmuck trage (mein Ehering liegt in der Schatulle in meinem Bücherregal. Und seiner hängt an einer Goldkette um seinen Hals).

Weil ich mich aber nicht für das Maß aller Dinge halte, gönne ich anderen die Freude an ihrem Verlobungsring (und bewahre den meiner Mutter, an dem sie sehr gehangen hat, im Kästchen neben meinem Ehering auf). Was mich aber an der Geschichte in der „Bunten“ mopst, ist der Versuch, die für mich „uramerikanische“ Sitte, einen superwertvollen Ring zur Verlobung zu verschenken, zur internationalen Normalität erklären zu wollen. Ich hoffe nämlich für Angelina Jolie und Brad Pitt, dass für sie die Beziehung und der Mann, der ja jetzt schon Vater ihrer sechs Kinder ist, wichtiger sind als dieser Ring. Der ist eine Äußerlichkeit – im Fall Jolie/Pitt sicher eine materiell wertvolle und auch schöne. Aber ihn zum zentralen Punkt machen zu wollen, bezeugt meiner Ansicht nach eine sehr seltsame Einstellung zur Verlobung und zur Ehe.

Die Lieblingsrezepte der Funny Family: Schwäbischer Kartoffelsalat

2. April 2012

Der Professor wünscht sich zum Mittagessen Fleischküchle und Kartoffelsalat, also habe ich eben Kartoffel in den Dämpfer gepackt. Bis sie so weit sind, kann ich ja das Rezept dafür aufschreiben:

 

Schwäbischer Kartoffelsalat

(für vier Personen)

1 kg festkochende Kartoffeln

1 große oder zwei kleine Zwiebeln

200 ml (heiße) Fleisch- oder Gemüsebrühe

2 – 3 EL Senf

Essig und Öl (meine Mutter hat Sonnenblumenöl genommen, ich verwende gerne Sonnenblumenöl und einen Löffel Kürbiskernöl)

Pfeffer und Salz, Zucker

Kartoffeln in der Schale weich kochen, unterdessen Zwiebel schälen, fein würfeln und in die große Schüssel geben. Mit der heißen Brühe so übergießen, dass sie bedeckt sind. Kartoffeln noch heiß pellen und in feine Scheiben schneiden, über die Zwiebel geben. Mit dem Öl, Essig und dem Senf eine Vinaigrette anrühren, mit Pfeffer und Salz rezent würzen, eine kleine Prise Zucker dazu (rundet den Geschmack ab. Und Achtung, die Kartoffeln schlucken einiges an Gewürz, also richtig ran!). Das Ganze über die Kartoffeln gießen, durcheinander mengen (dabei aber aufpassen, dass aus den Kartoffelscheiben kein Matsch wird).

Ein schwäbischer Kartoffelsalat soll „schlonzen“, also recht feucht ausfallen – weswegen man ihn am besten eine Viertel- bis halbe Stunde ziehen lässt. Wenn er danach trocken wirkt, einfach Fleischbrühe oder etwas Öl nachgießen und neu untereinander mengen.

 

Meine Mutter liebte ihren Kartoffelsalat auf einem Bett von Endivien oder Frisee, wir mögen ihn lieber mit Feldsalat, den ich auf dem fertigen Salat büschelweise an den Rand setze. Und schließlich gibt’s noch die Variante mit Gurkenscheiben, die auch sehr gut schmeckt.

 

Zum Kartoffelsalat gibt’s bei uns entweder panierte Schnitzel oder Fleischküchle. Und wenn dann ein Rest übrig bleibt, wird der zum Abendessen mit ein, zwei Spiegeleiern darüber serviert.

Frühling und ein weiteres Lieblingsrezept: Limonen-Hähnchen

1. April 2012

Es wird Frühling. Vorher habe ich eine kleine Runde  durch den Garten gedreht – leider nur eine kleine, weil mich das Rheuma schon wieder hat und dieses Mal ganz böse: Rechter Oberschenkel – und so übel, dass ich gestern Abend schließlich zum Stock gegriffen habe. Heute Morgen war es etwas besser und so habe ich in der herrlichen Morgensonne eine Runde im Garten gedreht.

Unser Garten ist für mich wie eine Wundertüte. Der Professor, diesbezüglich atypisch für einen Engländer, hat’s nicht mit Gartenarbeit und hat von Anfang an gesagt, dass er überhaupt keine Lust habe, künftig seine Freizeit mit Buddeln, Harken und Unkraut jäten zu verbringen und ich liebe zwar Bauerngärten, in denen viele bunte Blumen blühen und fände es herrlich, wenn wir eigenes Gemüse und Salat hätten – aber im Garten arbeiten ist auch nicht meins. Ergo ist unser sehr großer Garten eine Wildnis – aber eine, in der man vor allem im Frühling immer wieder was entdecken kann. Da sind zum Beispiel unter den Büschen am Bach dicke Veilchenpolster – noch blüht da nichts, aber die Blätter und ganz zarte, kleine Knospen sind schon da. In der Hecke blüht es auch: Forsythien, am Bach entlang die Schlehen und dazwischen strecken Fliederbüsche ihre dicken, zum Blühen bereite Knospendolden in den Himmel. Auf der Wiese sind wilde Hyazinthen aufgegangen, dazwischen schieben sich kleine, weiße Narzissen mit gelben Gesichtchen der Sonne entgegen. Und am Rand – da war wohl mal ein Beet – sind kleine, rote und gelbe Tulpen.

Zum Frühlingsanfang gibt’s bei uns heute Hühnchen, das der Professor vorher beim Nachbarn geholt hat. Bei Hühnchen haben wir nämlich die Erfahrung gemacht, dass das beste Rezept nicht schmeckt, wenn das  Ausgangsmaterial – eben das Hühnchen – nichts taugt. Tiefgefrorene Produkte aus der Massenhaltung schmecken einfach nicht, egal, wie schonend man sie auftut. Und bevor ich einen Gummiadler produziere, lasse ich es lieber. Doch heute haben wir uns ein Bio-Maishähnchen angeschafft – und hier kommt das Rezept:

 

Limonen-Hühnchen mit Rosmarin-Ofenkartoffeln

1 ganzes Hähnchen

6 Limonen (können auch Zitronen sein – aber ich finde es mit Limonen ein bisschen feiner)

2 große Zwiebeln

6-8 festkochende Kartoffeln

3 Knoblauchzehen

etwas gutes Olivenöl

zwei, drei Rosmarinzweige

Gemahlener Rosmarin, Pfeffer, Salz

 

Zwiebeln, Kartoffeln und Knoblauch schälen und in Scheiben schneiden. Zwei von den Limonen in Scheiben schneiden, die anderen auspressen.

Hähnchen mit Pfeffer, Salz und dem gemahlenen Rosmarin würzen, die Scheiben von einer Limone ins Innere stopfen, dazu ein, zwei Rosmarinzweige. In einen großen, flachen Bräter setzen.

Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch und die anderen Limonenscheiben um das Hähnchen herum legen, mit Pfeffer, Salz und Rosmarin würzen, Rosmarinzweig dazu, das ganze mit dem Limonensaft und einem guten Schuss Olivenöl übergießen. Bei 160 ° C im vorgeheizten Ofen ca. eine Stunde schmorren lassen.

Vor dem Servieren die Limonenscheiben und Rosmarinzweige aus dem Hähnchen und dem Bräter holen.

Guten Appetit!